Pünktlich am 13. Januar 2026 startet unsere Gruppe vom Flughafen Taipeh (TPE). Royal Brunei Airlines bringt uns in 3,5 Stunden direkt nach Bandar Seri Begawan, Hauptstadt des Sultanats.
Das Bordmenü – gegrilltes Huhn mit Reis – überzeugt qualitativ auf ganzer Linie und erinnert fast an den Standard von Emirates.
Die Einreise für Österreicher ist bis zu 90 Tage visumfrei, sofern der Pass noch sechs Monate gültig ist. Dennoch gibt es bürokratische Hürden: Die vorab auszufüllende e-Arrival Card sorgt bei mir für Verzögerungen, da ich im System nur mit der Gesundheitskarte aufscheine. Die Beamten befragen mich kurz zu Aufenthaltsdauer und Wohnort, bleiben dabei aber ruhig und professionell. Mein Kumpel Thomas ist derweil längst durch – als Handgepäck-Reisender muss er nicht auf seine Tasche warten. Er steuert direkt sein eigenes Hotel an, während ich für die nächsten vier Nächte im exklusiven Radisson wohnen werde.

Den Transfer zum Hotel bezahlt man in Brunei praktischerweise vorab am Taxistand im Flughafen. Für 15 Brunei-Dollar (ca. 10 Euro) geht es los. Schon beim Verlassen des klimatisierten Gebäudes trifft mich die enorme Luftfeuchtigkeit wie ein nasser, schwerer Block. Man gerät sofort ins Schwitzen – Bedingungen, die ich für einen Marathon eigentlich gar nicht mag. Zum Glück bleiben uns drei Tage zur Akklimatisierung, bevor am 16. Januar abends der Startschuss fällt.
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Einchecken im Radisson
Am frühen Abend erreiche ich das Radisson und lasse mir an der Rezeption erst einmal einen klassischen Stadtplan geben. Während sich die meisten heute auf Google Maps verlassen, bleibe ich Fan von Papierkarten – auch wenn ich dank einer E-SIM auf meinem neuen Smartphone permanent online bin.
Brunei empfängt mich mit seinem typischen Tropenklima. Der Servicemann, der mein Gepäck aufs Zimmer bringt, bestätigt meine Befürchtung: Seit Wochen regnet es täglich am späten Nachmittag. Auch jetzt, während ich mich einrichte, klebt die Feuchtigkeit förmlich an allem – an den Bettbezügen und den Möbeln. Die Klimaanlage kämpft vergeblich gegen die 90 % Luftfeuchtigkeit an, die von draußen nachdrängt.
Zu allem Überfluss fühle ich mich angeschlagen. Eine Magenverstimmung und eine beginnende Bronchitis machen mir zu schaffen. Den leichten Husten versuche ich instinktiv zu unterdrücken – wer weiß schon, wie empfindlich die Behörden hier heute noch auf potenzielle Infekte reagieren.
Statt einer kurzen Stadtbesichtigung steht heute nur noch Schonung inklusive Schonkost auf dem Plan. Im Hotelrestaurant bestelle ich eine Hühnersuppe mit Nudeln.

Während ich im Foyer verweile, bricht draußen die Sintflut los. Was für Touristen romantisch wirken mag, dämpft meine Vorfreude auf den Marathon erheblich: Die Vorstellung, mitten in so einem Wolkenbruch zu laufen, ist wenig verheißungsvoll. Den Abend lasse ich bei einem Tourismusmagazin ausklingen. Trotz der Hochglanzfotos bleibt das Gefühl, dass über diesem prunkvollen Sultanat ein fast schon ominöser Schleier liegt.

Land und Leute: Das Sultanat Brunei
Brunei ist eine der wenigen verbliebenen absoluten Monarchien der Welt. Der Sultan fungiert hier in Personalunion als Staats- und Regierungschef sowie als Verteidigungs-, Außen- und Finanzminister. 1963 entschied sich das Land bewusst gegen den Beitritt zur Föderation Malaysia, um die volle Kontrolle über seine reichen Erdölvorkommen zu behalten; die vollständige Unabhängigkeit von Großbritannien folgte schließlich 1984.
Von den rund 450.000 Einwohnern sind fast 80 Prozent sunnitische Muslime. Seit 2014 wird schrittweise die Scharia angewendet, was international wegen drakonischer Strafen für Homosexualität oder Ehebruch scharf kritisiert wird. Besonders rigoros ist das Strafrecht bei Betäubungsmitteln: Schon auf den Besitz geringer Mengen harter Drogen steht zwingend die Todesstrafe. Als Tourist beschleicht einen bei diesem Gedanken unweigerlich ein gewisses Unbehagen über mögliche Missverständnisse.
Karte des zweigeteilten Staatsgebiets von Brunei Darussalam an der Nordküste Borneos mit der Hauptstadt Bandar Seri Begawan, umschlossen von Malaysia.

Wirtschaftlich stützt sich das Sultanat fast vollständig auf den Export von Kohlenwasserstoffen. Dies beschert Brunei eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit, wovon die Bürger durch Steuerfreiheit sowie kostenlose Bildungs- und Gesundheitssysteme profitieren. Zur Sicherung dieser Souveränität unterhält das Land eigene Streitkräfte, die zusätzlich durch eine stationierte Einheit britischer Gurkhas unterstützt werden.
Gemeinsames Frühstück mit den Kollegen
Beim Frühstück im Radisson zeigt sich, dass einige meiner Mitstreiter ebenfalls hier untergebracht sind. Mit am Tisch sitzen u.a. Klaus Egedesoe aus Kopenhagen und Nannicha aus Thailand, die während der gesamten Marathonserie verantwortungsvoll als Kontrollinstanz fungiert. Der bald 80-jährige Japaner Toshisnori Watanabe ist extra wegen dieses ihm noch fehlenden Länderpunktes angereist. Nicht alle sind auf dem Foto zu sehen, wie bspw. Peter Friis aus Finnland, der Großes vorhat und in diesem Jahr so viele Marathonländer wie möglich „einkassieren“ will, um seinem bereits 77-jährigen Konkurrenten Mauri Volama eine deutliche Vorgabe zu liefern. Ebenfalls am Tisch anwesend ist Parvaneh Moayedi. Als Renndirektorin läuft sie die Marathons selbst mit, erweckt aber angesichts ihrer Bilanz von über 1.500 Läufen fast den Eindruck, die genaue Anzahl gar nicht mehr mitzuzählen. Schließlich weilt Klaus Westphal aus Frankfurt unter uns, für viele die Eminenz unter den Marathonsammlern und ein angesehener Medizinprofessor noch dazu. Er war jahrelang weltweit führend bis ihn Brent Weigner, ein Geografielehrer aus den USA, überholte.
Während Brent in der Statistik des Country Marathon Clubs (CC) derzeit 205 Länder verzeichnet, ist es Klaus' Ziel, seine 185 Länder bald auf 200 auszubauen. Dabei ist es oft eine Frage der Definition, was die großen Sammlerclubs – der CC und die Globetrotters – als „Land“ werten. Dazu zählen häufig auch Inseln im Südpazifik, die ehemaligen Homelands in Südafrika sowie Überseegebiete von England und Frankreich.

Nach dem Frühstück schwärme ich aus; mir steht ein ganzer Tag zur Verfügung. Obwohl ich mich kränklich und sogar noch etwas schwächer als gestern fühle, mache ich mich mit dem Stadtplan auf den Weg, um Bandar Seri Begawan zu erkunden.
Stadtbummel in Bandar Seri Begawa
Bandar Seri Begawan bildet das faszinierende Bindeglied zwischen malaiischer Tradition und modernem Rohstoffreichtum. Das Stadtbild der Hauptstadt wird von Bauwerken der Superlative geprägt: Der Istana Nurul Iman gilt mit über 1.700 Zimmern als der größte bewohnte Palast der Welt und lässt sich besonders eindrucksvoll bei einer Bootsfahrt aus der Ferne vom Brunei River aus bestaunen. Das imposante Gebäude liegt etwa 3–4 km außerhalb des Zentrums und ist bei der extremen tropischen Hitze und Luftfeuchtigkeit Bruneis kaum „fußläufig“ erreichbar.

Unübersehbar ist hingegen die prachtvolle Sultan-Omar-Ali-Saifuddin-Moschee, deren goldene Kuppel die tiefe religiöse Verwurzelung des Sultanats symbolisiert.

Wahrzeichen Bruneis: Die Sultan-Omar-Ali-Saifuddin-Moschee mit ihrer markanten Goldkuppel, umgeben von einer künstlichen Lagune.
Einen lebendigen Kontrast zu diesem imperialen Glanz bildet Kampong Ayer: Das als „Venedig des Ostens“ bekannte Stelzendorf beherbergt eine jahrhundertealte Gemeinschaft mit eigener Infrastruktur aus Schulen, Moscheen und Märkten, die direkt über dem Wasser miteinander verbunden sind.

An meinem zweiten Tag, dem 14. Januar, fordern die Magenverstimmung und die drückende Schwüle jedoch ihren Tribut. Mein Ziel ist der Yayasan Complex. Das Einkaufszentrum liegt strategisch perfekt im Herzen der Stadt, unmittelbar am Brunei River, doch ich fühle mich so elend, dass ich die Sehenswürdigkeiten um mich herum nur noch wie durch einen Hitzeschleier wahrnehme. Mein Fokus liegt eher auf dem bloßen Überstehen des Tages.

Ein Fixpunkt bleibt der Besuch des Postamts – ein Ritual für Verwandte zu Hause, die sich über klassische Grußkarten freuen. Doch die Enttäuschung folgt prompt: Das Postamt wird umgebaut, es gibt weder Karten noch Marken. Als Orientierungspunkt in meinem angeschlagenen Zustand dient mir der blaue Memorial Clock Tower an der zentralen Kreuzung zur Jalan Elizabeth II.
Nach kaum 1,5 Kilometern Fußweg, die sich heute wie eine wahre Strapaze anfühlen, erreiche ich erschöpft die kühle Mall. Dort entdecke ich in einem Souvenirshop zwar endlich Postkarten, allerdings keine Briefmarken. Die Verkäuferin schlägt mir ein ungewöhnliches Geschäft vor: Ich solle pro Karte einen Dollar bezahlen, und ihr Chef würde die Post dann über einen privaten Dienst versenden. Ich lasse mich darauf ein und kaufe einige Postkarten inklusive der Frankierungsoption.

In einem Reiseshop finde ich zudem Ersatz für mein verlorenes Kofferschloss und erhole mich anschließend in einem kleinen Restaurant. Beim späteren Gang durch den großen Supermarkt stelle ich erfreut fest, dass der Euro hier eine beachtliche Kaufkraft besitzt; ich decke mich mit Apfelsaft, Joghurt, Obst und – als wichtiger Nervennahrung – einer Tafel Schokolade ein.
In einem nahegelegenen Schmuckgeschäft, das mit Rabatten von bis zu 60 Prozent lockt, lasse ich mich schließlich treiben. Der kühle Glanz der Auslagen ist eine willkommene Abwechslung zur drückenden Hitze vor der Tür. Nach kurzem Suchen werde ich fündig: Ein feines Stück für meine Tochter, die sich jedes Mal über ein kleines Mitbringsel von meinen Reisen freut. Mit diesem Erfolg im Gepäck und den Vorräten für den nächsten Tag mache ich mich langsam an den Rückweg zum Hotel.
Abenteuer auf dem Brunei River: Mangroven, Krokodile und eine unfreiwillige Dusche
Nach den mühsamen ersten Tagen ist der 15. Januar für einen Tapetenwechsel reserviert. Am späteren Vormittag spaziere ich vom Radisson vorbei an der berühmten Moschee zum Flussufer. Für etwa 50 Euro chartere ich ein einheimisches Ausflugsboot samt Fahrer – eine Investition, die sich als Höhepunkt der Reise herausstellen sollte.
Die Tour beginnt spektakulär: Wir gleiten unter der gewaltigen Sungai Kebun Brücke hindurch direkt ins Herz von Kampong Ayer.

Ganz langsam manövriert der Fahrer das Boot durch das Labyrinth der Stelzenhäuser. Von hier unten wirkt das größte Wasserdorf der Welt noch beeindruckender, und ich schieße unzählige Fotos vom geschäftigen Treiben auf dem Wasser.

Kurz hinter dem Dorf nimmt das Boot Fahrt auf Richtung Westen. Während das Zentrum zurückweicht, taucht der Istana Nurul Iman am Ufer auf. Der größte bewohnte Palast der Welt thront majestätisch auf einer Anhöhe; vom Wasser aus bietet sich die seltene Chance, die goldenen Kuppeln und die streng bewachten Zäune der weitläufigen Anlage aus nächster Nähe zu bewundern.

Auf dem Fluss herrscht ein reger Ausflugs- und Schiffsverkehr, während wir die Skyline hinter uns lassen. Wenig später weicht die Zivilisation den dichten, fast undurchdringlichen Mangrovenwäldern, in denen sich zwischen den verschlungenen Wurzeln allerlei Getier verbirgt. Da ich neben dem Fahrer der einzige Gast im Boot bin, entsteht eine fast private Atmosphäre. Mein Begleiter kennt das Revier genau; er ist mit voller Leidenschaft dabei, lebt förmlich mit der Umgebung mit und macht mich durch lebhaftes Gestikulieren immer wieder auf kleine Bewegungen im Dickicht aufmerksam, um mich auf zu erwartende Vorkommnisse wie versteckte Nasenaffen, Reptilien und Vögel vorzubereiten.

Die Stille wird nur vom Motor unterbrochen, doch unsere Geduld wird belohnt: In den Baumkronen entdecken wir seltene Nasenaffen, deren bräunlich-oranges Fell in der Sonne leuchtet.

Dann, fast schon unheimlich, erspähen wir ein Krokodil, das regungslos im trüben Wasser lauert – ein echter Gänsehaut-Moment.

Auch auf seltene bunte Vögel macht mich mein Guide aufmerksam, wie auf einen Malaiennachtreiher, der in den Mangroven lebt.

Auf dem Rückweg bricht jedoch ohne Vorwarnung ein schwerer Tropenregen über uns herein. Da das kleine Boot bei dem Wellengang empfindlich reagiert, weist mir der Fahrer aus Gründen der Balance einen strategischen Platz weit vorne im Bug zu. Das Ergebnis: Während der Fahrer unter seinem Dach trocken bleibt, werde ich von den Wassermassen förmlich weggespült.

Trotz der unfreiwilligen Dusche und meiner Erkältung kann ich mir das Lachen nicht verkneifen. Es war ein wildes Erlebnis, das mir die ungezähmte Seite des Sultanats gezeigt hat. Nass bis auf die Knochen betrete ich schließlich wieder die Mall, um mich bei einem Essen aufzuwärmen.
Besuch des Night Market am Aben
Parvaneh bietet per WhatsApp-Rundschreiben für 19 Uhr einige Plätze im hoteleigenen Ausflugsbus zum Nachtmarkt in Gadong an. Der Zuspruch ist eher verhalten: Mario, der Präsident des deutschen 100-Marathon-Clubs, und seine Gattin Doris sind dabei, außerdem eine Touristin aus Brisbane und ich.
Nach meiner aufregenden Bootstour und der kurzen Stärkung in der Mall steht nun ein echtes Kontrastprogramm an. Schon beim Aussteigen am legendären Gadong Night Market (Pasar Pelbagai Barangan Gadong) schlägt uns eine Wand aus betörenden Düften, Dampf und der typisch lebhaften Energie Bruneis entgegen.
Der Markt ist ein Paradies für jeden Fotoliebhaber. In der großen, überdachten Halle reiht sich Stand an Stand. Überall lodern kleine Grillfeuer, auf denen Fleischspieße und Hühnchenflügel brutzeln. Der dichte Rauch der Grillstationen verleiht der Szenerie eine ganz besondere Atmosphäre, die ich sofort mit meinem Smartphone einfange.

Auf dem Gadong Night Market ziehen die riesigen Glasbehälter mit bunten Ais Minuman sofort alle Blicke auf sich. Die Farben dieser süßen Eisgetränke sind unglaublich und reichen von giftgrün bis hin zu knalligem Pink – ein echtes Markenzeichen des Marktes. Ob Rosensirup mit Milch (Sirap Bandung) oder exotische Fruchtsäfte, oft verfeinert mit Gelee oder Sago-Perlen: Sie sind der perfekte, erfrischende Durstlöscher, während man sich durch die Garküchen schlemmt.

Große Aufmerksamkeit findet die Stinkfrucht Durian, die in vielen asiatischen Ländern als Delikatesse gilt. Wegen ihres extrem intensiven Geruchs ist sie jedoch ebenso berüchtigt wie beliebt und darf deshalb oft nicht in Hotels oder öffentlichen Verkehrsmitteln mitgeführt werden.

Das Essen ist hier unschlagbar günstig; oft zahlt man nur 1 bis 3 BND für eine vollwertige Mahlzeit. Ich probiere das Nationalgericht Nasi Katok: ein einfaches, aber köstliches frittiertes Huhn mit Reis und einer scharfen Sambal-Sauce, das ganz traditionell in braunes Papier gewickelt serviert wird. Dabei fällt auf, dass der Markt beeindruckend sauber und perfekt organisiert ist. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, unter Einheimischen zu sein, die hier nach Feierabend ihre Vorräte aufstocken oder in den kleinen Sitzecken gemeinsam essen.

Stopp bei der der Jame' Asr Hassanil Bolkiah Moschee
Auf dem Rückweg vom Nachtmarkt legen wir einen Abstecher zur Jame' Asr Hassanil Bolkiah Moschee ein. In der Dunkelheit bietet sie einen völlig anderen, weit majestätischeren Anblick als am Tag. Sie wurde 1994 zum 25-jährigen Thronjubiläum des Sultans eingeweiht und ist als größte Moschee des Landes ein wahres Meisterwerk moderner islamischer Architektur.
Schon von Weitem dominieren die 29 goldenen Kuppeln das Stadtbild – eine Hommage an den Sultan als 29. Herrscher seiner Dynastie. Ein ausgeklügeltes Beleuchtungssystem lässt die Kuppeln wie leuchtende Perlen über der Stadt schweben, während sich das warme Licht in den Wasserbecken der Gartenanlage spiegelt. Vier monumentale Minarette ragen wie beleuchtete Wächter in den Nachthimmel.

Stopp bei der Jame' Asr Hassanil Bolkiah Moschee; v. l. n. r.: der Autor, Doris, Parvaneh, Toshinori und Mario.
Auch im Inneren, das bis zu 5.000 Gläubigen Platz bietet, setzt sich der Prunk kompromisslos fort: italienischer Marmor, schweres Blattgold und riesige Kristallleuchter prägen das Bild. Doch am meisten beeindruckt mich die tiefe, andächtige Atmosphäre. Während die Stadt zur Ruhe kommt, herrscht in den Gärten eine Stille, die nur vom Plätschern der Brunnen unterbrochen wird. Für mich, der den Tag über mit Krankheit und tropischen Regengüssen gekämpft hat, bietet dieser Ort einen perfekten, fast spirituellen Kontrast zum Chaos der Elemente. Es ist der ideale Moment, um die Erlebnisse Revue passieren zu lassen, bevor ich mich in die kühle Stille des Hotels zurückziehe.
Der Marathon von Brunei: Wenn der Körper „Stopp“ sagt
Da Brunei als Ziel so geheimnisvoll wirkt, verzeichnet gerade dieser Abschnitt unserer Marathontour die meisten Anmeldungen. Während einige Teilnehmer völlig ausgeruht anreisen, um voller Energie ihren Länderpunkt zu holen, ist meine Vorfreude stark gedämpft. Eine hartnäckige Magenverstimmung und eine Verkühlung haben mich fest im Griff. Ich fühle mich kraftlos, die Beine schmerzen – ein untrügliches Zeichen für einen heraufziehenden Infekt. Doch mein Entschluss steht: Ich will dabei sein. Den restlichen Tag versuche ich, mich im Hotel so gut wie möglich zu regenerieren.
Zum Briefing versammeln wir uns im Radisson. Nach dem Gemeinschaftsfoto setzt sich die Gruppe in Bewegung – für meinen Geschmack in dieser Schwüle etwas zu überhastet – und steuert das Ufer des Brunei River an.

Noch ist es trocken, doch der Start erfolgt kurz vor Sonnenuntergang, und die Wolken kündigen den baldigen Tropenregen an. Der Kurs an der Waterfront ist als Wendepunktstrecke konzipiert, die achtmal bewältigt werden muss. Der Untergrund wechselt zwischen Asphalt und glatten Fliesen, größere Steigungen bleiben uns erspart. Eigentlich würde mich jeder Arzt mit meinen Symptomen sofort ins Bett schicken. Früher bin ich sogar mit Fieber gestartet, um meine Spitzenposition im österreichischen Marathonsammler-Ranking zu halten; 2013 und 2017 waren es je 53 Läufe pro Jahr. Doch heute geht es um nichts mehr: Die 100 Länder habe ich seit Kuwait 2024 erreicht, und meine orthopädischen Probleme schränken mich sehr ein.

Startschuss und der Kampf an der Waterfront
Ein weiteres Mal stellt sich das Starterfeld zu einem Gruppenfoto auf. Wie immer hatten sich fast doppelt so viele angemeldet, wie dann tatsächlich erschienen sind.
v.l.n.r.: Klaus Egedesoe, Toshinori Watanabe, Peter Friis, Thomas Godlewsky, Bryan Lip, Muantawan Arsrairas, Klaus Westphal, Chau Smith, Yen Nguyen, Parvaneh Moayedi, Anton Reiter, Doris und Mario Sagasser.
Ab Rennbeginn mischen wir uns auf der Strecke unter die vielen lokalen Freizeitsportler, die hier nach der Arbeit trainieren. Ich finde mich schnell am Ende des Feldes wieder.

Schon bald kommen mir Bryan in Begleitung von Mario entgegen, die versuchen Tempo zu machen. Bryan (im blauen Trikot) ist für mich ein Phänomen, mit 52 Jahren läuft er Zeiten wie ein 30-jähriger Profi.

Auch Klaus Westphal, der weltweit bekannte deutsche Marathonsammler, ist in bester Laune und strebt sein 185. Land an. Sein heute wohl stärkster Gegner ist der fast 80-jährige Toshinori aus Japan.

Dieser ist ein faszinierender Geist, ein erfolgreicher Erfinder, dessen Patente sogar bei Apple Verwendung finden. Sein Lebensziel ist es, die letzten fehlenden Länderpunkte auf den Hunderter in absehbarer Zeit sicherzustellen. Er wirkt heute nach dem Besuch des Night Market wie runderneuert, während ich mich mühsam voran quäle.

Auch neue, aber doch schon bekannte Gesichter wie Pei aus Thailand sind dabei, der Brunei ebenfalls noch in der Sammlung fehlt.

Wie in den Tropen üblich, wird es jäh finster; die Sonne ist im Westen hinter dem Brunei River schon fast verschwunden. Ich spüre, dass mir heute sowohl die Kraft als auch die Freude fehlen. Ich ringe mit mir: aufhören oder noch einmal alle Energien mobilisieren? Mühsam schleppe ich mich zur Versorgungsstelle, wo ich Erfrischungsgetränke aus dem Supermarkt gelagert habe.

Ein Schnappschuss zeigt den US-Amerikaner Paul Gavriani bei einem Stopp; sichtlich zufrieden mit der Witterung, hat er bisher ein hohes Tempo hingelegt.

Thomas meinem Spezi aus Saarbrücken geht es stets nur um den Länderpunkt, so hat er alle Zeit der Welt.

Parvaneh nimmt mit ihrer langjährigen Freundin Yen Nguyen sogar die 50-km-Distanz in Angriff.

Ich bewege mich derweil wieder wie in Zeitlupe in Richtung der Sungai-Kebun-Brücke. Längst ist es dunkel geworden. Gestern noch glitt ich entspannt mit dem Boot unter ihr hindurch, heute starre ich erschöpft zum 157 Meter hohen Pylon hinauf. Dieses Monument des Fortschritts mit seiner goldenen Kuppel ist beeindruckend, doch meine Beine registrieren nur noch die Anstrengung.
Ein Stein der Erleichterung fällt mir fast hörbar vom Herzen, als ich nach zehn Kilometern den Entschluss fasse, einfach aufzuhören. Genau in diesem Moment bricht der Regen über uns herein. Im Nu bin ich klatschnass und rette mich in den trockenen Unterstand bei der Kontrollstelle. Von dort aus beobachte ich meine Kollegen im strömenden Regen.
Im Gegensatz zu mir hat Chau Smith, 75, heute wohl zu keinem Zeitpunkt ans Aufgeben gedacht.

Insgesamt beginnt nun wohl der schwierigste Teil des Marathons für meine Kollegen. Ich bin zwar ebenfalls klitschnass, muss aber wenigstens nicht mehr laufen. Es ist weniger Solidarität, die mich an der Strecke verweilen lässt – an einer glücklicherweise trockenen Position –, sondern schlicht das Warten auf einen Moment, in dem der Regen nachlässt. Dennoch bleibe ich eine gute Stunde dort und beobachte das Geschehen.
Tapfer kämpfen sie sich durch die nasse Tropennacht. Ich kenne diese Momente von eigenen Läufen nur zu gut – sie gehören zum Sport einfach dazu. Besonders Peter und Mario beißen sich durch; vor allem Mario würde wohl niemals einen Lauf vorzeitig beenden.

Und Mario (im gelben Trikot) ganz besonders. Er würde nie einen Lauf aufgeben.

Ich ziehe ein ehrliches Fazit: Vielleicht sollte ich das aktive Laufen beenden und mich künftig auf die bescheidene Rolle eines Hobbylauf- und Fotoreporters konzentrieren. Reisen war immer mein Hobby, und man kann die Welt auch ohne den extremen Sport genießen. Ich melde mich bei Nannicha und Parvaneh ab; es bleibt ein DNF im Ergebnis und kein Länderpunkt für Brunei. Doch die Gesundheit geht vor. Meine Reise führt mich nun weiter nach Singapur und Dubai – dort bei einem Urlaub in der trockeneren Wüstenluft werde ich die Verkühlung hoffentlich bald loswerden.

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