Im Norden des indischen Bundesstaates Westbengalen, im Hochland von Darjeeling, dem berühmtesten Teeanbaugebiet der Welt, liegt ein besonderer Ort: Sandakphu.
Es heißt, dass seinerzeit im 19. Jahrhundert Fürst Aga Khan von einem Ort hörte, der den Blick auf vier der fünf höchsten Berge der Welt freigibt: Makalu (8485 m), Lhotse (8516 m), Kangchendzönga (8586 m) und Mount Everest (8848 m). Von diesem Ort träumte Aga Khan, den wollte er sehen und erteilte den Auftrag, eine Straße dorthin zu bauen. Und so entstand Sandakphu, mit Blick auf das Dach der Welt. Ein Blick, der Aga Khan jedoch verwehrt blieb. Seine Sicherheitsleute empfanden den Pfad hierher mit den steilen Passagen und den tiefen Abhängen schließlich als zu gefährlich für den Khan.
Es ist fast genau diese Route die die 1. Etappe des Himalayan 100 Mile Stage Race beschreibt. Vom Start in Maneybhanjang (2134 m) stehen 38 km und 2000 Höhenmeter auf steilen Kehren und durch subtropischen Regenwald bis nach Sandakphu in 3636 Metern Höhe auf dem Streckenplan, wo die Läufer für die kommenden zwei Tage in Berghütten einquartiert werden. Bis vor gut 10 Jahren ging noch der gesamte Kurs über „British Trail“, in den Boden gestampfte, unbehauene Natursteine. British Trail ist die Steigerung von Kopfsteinpflaster und eine Folter für die Laufwerkzeuge. Mittlerweile hat aber auch in dieser abgelegenen Gegend die moderne Einzug gehalten und die Piste wurde großteils betoniert. Das macht es zwar leichter für die Füße, aber aufgrund der dünnen Höhenluft ist die Auftaktetappe weiterhin eine anspruchsvolle läuferische Herausforderung.

Der fünftägige Etappenlauf über 161 km wird seit 35 Jahren von Chander Shekhar Pandey und seiner Agentur Himalayan Run & Trek organisiert und ist somit eines der am längsten existierenden Abenteuerrennen auf der Welt. Die in Delhi ansässige Reiseagentur ist spezialisiert auf Bergbesteigungen, Expeditionen und Trekkingtouren in unberührte Gegenden des Himalaya. C.S. Pandey selbst hat bereits mehr als 80 Hochgebirgsexpeditionen geleitet, ist ehemaliger Freikletterer und machte Ausdauersportarten wie Laufen, Mountainbiken und Schwimmen populär. In Indien gilt er als einer der Pioniere im Bereich Abenteuersport, Trailrunning und Outdoor-Aktivitäten. Himalayan Run & Trek besitzt somit das entsprechende Know How für ein derart aufwendiges Rennen, dass von einem professionellen Team mit immensem Aufwand perfekt organisiert wird. Auf die alljährlich im Schnitt 30–60 Teilnehmer aus der ganzen Welt wartet ein atemberaubender Rundkurs am Fuße des Himalayas, mit Blick auf die höchsten Berge der Welt.
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Die klirrend kalte und sternenklare Nacht in der dünnen Höhenluft von Sandakphu wird von einem berauschenden Sonnenaufgang abgelöst. Kurz nach 5 Uhr tauchen die „Big Four“ am Horizont auf. Lhotse, Everest und Makalu thronen bescheiden in über 200 km Entfernung, an der Grenze Nepal/Tibet. Während die nur 80 km entfernten Eiswände des Kangchendzönga, dritthöchster Berg der Erde und östlichster Achttausender, übermächtig erscheinen. Über seinen Gipfel verläuft die Grenze zwischen Nepal und dem Bundesstaat Sikkim, flächenmäßig nach Goa der zweitkleinste Bundesstaat Indiens. Seit dem Anschluss des ehemaligen Königreichs Sikkim an die indische Union im Jahre 1975 ist er der höchste Berg Indiens. Vier der fünf höchsten Berge der Erde (der andere ist der K2 im Karakorum/Pakistan) verzücken das Auge – der schiere Höhenorgasmus! Vor dieser majestätischen Kulisse verläuft die 2. Etappe über 32 km.

Der Wendepunktkurs führt so wie am Vortag über die Singalila Ridge, ein in Nord-Süd-Richtung verlaufender Gebirgskamm, immer scharf an der Grenze zu Nepal entlang und kommt auf jeweils 600 Meter im Auf- und Abstieg. Links der Piste ist Nepal, rechts Indien. Der Grenzverlauf wird von paramilitärischen Einheiten überwacht. Beide Staaten pflegen freundschaftliche Beziehungen untereinander, weshalb hier oben alles stressfrei abläuft. Die überall präsenten Grenzsoldaten sind freundlich und feuern alljährlich die Läufer an. Auf dem Bergrücken befinden sich mit Sandakphu (3636 m) und Phalut (3600 m) die beiden höchsten Gipfel Westbengalens. Auf ersterem befindet sich für zwei Tage das Basislager der Läufer und auf Phalut ist der Wendepunkt beim Marathon am dritten Tag. Heinrich Harrer, Autor von „Sieben Jahre in Tibet“, besuchte Singalila mehrmals, zudem war der Höhenkamm früher eine regelmäßige Route für Expeditionen zum Kangchendzönga. Tenzing Norgay Sherpa gratulierte den Erstbesteigern bei ihrer Rückkehr vom Berg in Sandakphu im Jahr 1955.

Warme Betten, hygienisch einwandfreies Trinkwasser und Verpflegung, ärztliche Versorgung, adäquate sanitäre Einrichtungen und Gepäcktransport gehören mit zum „Rundum Sorglos Paket“ von Himalayan Run & Trek, sind aber keine Selbstverständlichkeit in dieser abgeschiedenen Gegend und nur mit großem Aufwand zu organisieren. So arbeiten im Verlaufe des Rennens knapp 100 Personen u. a. als Köche, Träger, Streckenposten, Fahrer, Zeitnehmer etc. C.S. Pandey trifft mit einem Stab von Mitarbeitern bereits zwei Wochen vor dem Rennen ein, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen und einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Wie intelligent die Strecke angelegt ist, beweist die Tatsache, dass sie in all den 35 Jahren nicht verändert werden musste. Dabei suchte Pandey lange vor der Premiere nach einer passenden Laufstrecke, u.a. in Ladakh und im Zentral Himalaya, studierte dort das Wetter und die Infrastruktur. Immerhin liegen 70% des Himalayas in Indien!

Mit einer Verbissenheit sondergleichen überwand er alle bürokratischen, politischen und militärischen Hindernisse und 1991 war es so weit – das erste „Himalayan 100 Mile Stage Race“ konnte stattfinden. Bisher hat er sämtliche Angebote von Sponsoren abgelehnt, um den einzigartigen und familiären Charakter zu bewahren. Großen Wert legt Pandey auf ein ökologisch einwandfreies Event. So wird sämtlicher Müll der während der Veranstaltung anfällt abtransportiert. Es gibt sogar einen alljährlichen Sonderpreis für den Teilnehmer, welcher unterwegs den meisten Müll aufsammelt, der von unachtsamen Wanderern zurückgelassen wurde. Als abgespeckte Version ist seit dem Jahr 2022 ein 100 Kilometer Kurs in den Event integriert. Die 100 Kilometer Läufer absolvieren jeweils kürzere Strecken in dem sie entweder vorgefahren werden oder die Etappe früher beenden. Walker sind ebenfalls willkommen und werden von einem Guide begleitet. Sie können die Strecken flexibel einteilen und an den alle 3-4 Kilometer aufgebauten Verpflegungsstellen aussteigen, wo sie mit einem Jeep ins Ziel gefahren werden. Die Marathonetappe am 3. Tag ist auch als Einzelwettbewerb ausgeschrieben und in der Vergangenheit fand auch schon ein Mountainbikewettbewerb parallel zum Lauf statt, ausgeschrieben als „Mt. Everest Bike Ralley“.

Die Marathonetappe am 3. Tag ist größtenteils identisch mit dem Vortag, stürzt dann aber auf dem letzten Drittel 1600 Höhenmeter ab und bringt die Teilnehmer wieder zurück in die Zivilisation. Das Ziel befindet sich in der 2286 Meter hoch gelegenen Ortschaft Rimbik, direkt an der Grenze zu Sikkim. Hier beginnt wieder eine Asphaltstraße, die Unterkünfte sind in bequemen Gasthäusern, es gibt eine Verbindung zur Außenwelt, in Sikkim gebrautes Bier und Coca Cola. Wie anspruchsvoll der Marathon ist zeigt die Siegerzeit von 5:37 Stunden, während die finalen Teilnehmer nach 10:35 Stunden im letzten Tageslicht das Ziel erreichen. Die beiden letzten Etappen führen über eine mit Schlaglöchern durchsetzte Asphaltpiste durch liebliche Hochgebirgslandschaften, vorbei an einsamen Bergdörfern und durch dunkle, kühle Pinienwälder. Die multikulturelle Bevölkerung aus Nepalesen, Tibetern, Bhutanesen und Bengalis verfolgt begeistert das Treiben der ebenso bunten Lauftruppe aus acht Ländern. In Maneybhanjang, dort wo vor fünf Tagen alles begann, endet der große Rundkurs durch eine der wildesten Regionen dieser Erde. Hier werden alle Finisher von begeisterten Schulkindern empfangen.

Den Gesamtsieg holt sich bei den Männern Anton Schäfer aus Deutschland in 18:54 Stunden. In der Geschichte des Events gab es bisher 4 deutsche Erfolge: Gabriel Seiberth und Sonja Braun belegten 2014 den jeweils ersten Platz bei Männern und Frauen, 2024 siegte Chris Lemke und der Autor konnte im Jahre 2000 den Gesamtsieg einfahren. Die Britin Janet Payne holt sich im zarten Alter von 69 Jahren als dienstälteste Himalayaläuferin mit 30:39 Stunden und dem fünften Gesamtplatz den Frauensieg. Mit zwei Damen und drei Herren stellten die Läufer aus dem Vereinigten Königreich unter den 21 Teilnehmern das stärkste Kontingent, vor Indien, das mit 4 Athleten vertreten war. Ein so kleines und familiäres Feld formierte sich unter den gegebenen Bedingungen zu einer perfekten und äußerst harmonischen Truppe, über die Pandey mit seinem allseits charmanten Lächeln und strikten Kommandos wachte. Die Komplexität der Logistik macht jedoch ein derart diszipliniertes Vorgehen notwendig.

Beim abschließenden Galadinner in dem 1495 Meter hoch gelegenen Gebirgsweiler Mirik wird jeder Teilnehmer einzeln geehrt und erhält ein hochwertiges Erinnerungsgeschenk. Freilich lässt sich ein derart aufwendiger Etappenlauf mit so wenigen Leuten nicht finanzieren. Mit 45 Läufern wäre der Event kostenneutral. Hier legt der Organisator definitiv drauf. Aber, so betont Pandey, das Himalayan Stage Race ist seine Passion und für sein großes Baby ist er allseits zu Opfern bereit. Er würde den Lauf auch für nur 5 Teilnehmer organisieren! Baba Sant Nagpal, einer der berühmtesten spirituellen und moralischen Führer Indiens, inspirierte C.S. Pandey vor 3 ½ Jahrzehnten zu diesem faszinierenden Etappenlauf durch den Himalaya, im Schatten der Achttausender. In den riesigen Tempelanlagen von Baba Sant Nagpal im Herzen Delhis bringt der Renndirektor jeweils vor und nach dem Event Gebete und Opfergaben dar, was zu helfen scheint, denn in all den Jahren hat es noch nie einen ernsthaften Unfall beim Himalayan Stage Race gegeben...

Fakten
Das 35. Himalayan 100 Mile Stage Race findet vom 27.10.-3.11.2026 statt.
Kontaktadresse:
Himalayan Run & Trek Pvt. Ltd. in Delhi
Internet: www.himalayan.com
Email: hrtindia91[AT]gmail.com und info[AT]himalayan.com
Treffpunkt ist in Indiens Hauptstadt New Delhi. Ein zweistündiger Inlandsflug bringt die Teilnehmer nach Bagdogra in Westbengalen, von wo es per Bus durch üppige Teeplantagen ins Hochland von Darjeeling geht. Ausgangspunkt der Veranstaltung ist der lauschige Gebirgsweiler Mirik. Vor oder nach dem Event bietet sich ein Aufenthalt in einer der vielen Familienpensionen in der unmittelbaren Umgebung an. Von dort können herrliche Trailläufe durch die Teeplantagen unternommen werden.

Einen Monat vor dem diesjährigen Rennen wurde durch ein heftiges Unwetter im Himalaya, bei dem in Nepal und Indien über 60 Menschen ums Leben kamen, die Dudhia Brücke auf der einzigen Straße zwischen Bagdogra und Mirik zerstört. Doch bis zum Start des Rennens war die Verbindung durch eine Behelfsbrücke wieder hergestellt. Für den Starkregen, der schwere Überschwemmungen und Erdrutsche auslöste, war ein spätes Monsuntief, das ungewöhnlich weit nach Norden zog verantwortlich.
Neben den beiden Etappenläufen ist der Marathon am 3. Tag auch als Einzelwettbewerb mit Sonderwertung ausgeschrieben. Außerdem gibt es ein Programm für Walker und Begleiter. Ein Zeitlimit gibt es nicht, man legt wert darauf, dass jeder Teilnehmer die größtmögliche Chance hat, das Ziel zu erreichen. Trotz der schwierigen Infrastruktur eines Entwicklungslandes ist dieser Etappenlauf besser organisiert als vergleichbare Rennen in der westlichen Welt.

Die Unterkünfte sind den Verhältnissen entsprechend spartanisch, westlichen Standard darf man nicht erwarten.
Der Lauf führt durch den Singalila Nationalpark, überwiegend entlang der Grenzen Nepals und Sikkims. Es ist der einzige Platz auf der Welt, von dem aus vier der fünf höchsten Berge der Erde zum gleichen Zeitpunkt zu sehen sind. Der Kurs ist ein absolutes Highlight und zählt zu den spektakulärsten und schönsten Laufstrecken weltweit.
Für die Einreise nach Indien ist ein Visa erforderlich (www.indianvisaonline.gov.in). Der Zeitunterschied beträgt MEZ + 4:30 Std. bzw. MESZ + 3:30 Std.
Touristische Informationen über den Subkontinent Indien:
- Indisches Fremdenverkehrsamt
- Baseler Str. 48
- 60329 Frankfurt
- Tel.: 069-24 29 49 0
- Internet: www.incredibleindia.gov.in/en
Weitere beeindruckende Fotos vom Himalayan 100 Miles Stage Race

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