Ehrengast auf Einladung des 100 Marathon Club Japan.
Bereits vor Corona hatte ich Kontakte zum 100 Marathon Club Japan, die über Toshinori Watanabe, wie ich Mitglied im Country Club, liefen. Mehrmals bot man mir an, falls ich nach Japan kommen kann, an einem der ein-, manchmal sogar zweimal wöchentlich durchgeführten Clubmarathons auf der Laufstrecke rund um den Imperial Palace teilzunehmen.
Ich schicke noch vor meiner Abreise nach Osaka dem Generalsekretär des Clubs, Kazuyoshi Iida, ein E-Mail und kündige meinen Abstecher nach Tokio in der Woche nach den Yodo River Marathon (3. Nov. 2024) an. Zwei Termine stehen zur Auswahl: der 7. und 10. November – ich könne gerne an beiden Tagen „mitlaufen“, antwortet Kazuyoshi. Beide Marathons zu absolvieren, war in meiner besten Zeit noch bis 2017 erstrebenswert, als ich jede Möglichkeit nutzte, einen weiteren Lauf auf meinem Habenkonto zu verbuchen. Aber ich bin längst (abnutzungsbedingt) kein eifriger Marathonsammler mehr, der nur auf die Anzahl schaut, sondern mich interessieren nun neue Marathonländer, um auch in dieser Statistik (wie im März 2012 in Rom) den Hunderter zu erreichen – es fehlen nach Osaka nur mehr zwei Countries nach der Zählweise des Country Marathon Club und der Marathon Globetrotter (bei ca. 475 Marathons insgesamt in 22 Jahren).
Fahrt mit dem Shinkansen von Shin-Osaka nach Tokio Station
Das Ticket für den auch außerhalb Japans prestigeträchtigen Hochgeschwindigkeitszug kaufe ich online noch vor meinem Flug über eine Agentur mit Sitz in Paris, die nach der Suche mit Google dank bezahlter Werbung ganz oben aufscheint. Aber als ich in der Shin-Osaka Bahnstation einen Tag vor der Abreise den weitläufigen Bereich für Shinkansenzugtickets mit mehreren Schaltern aufsuche, um mein Ticket einzulösen, stehe ich zunächst eine gute halbe Stunde in der Schlange, um dann zu erfahren, dass ich dieses nur an einem Ausgabeautomaten mit grüner Kennung bekommen könne. Die Identifizierungsnummer scheint erkannt zu werden, aber statt dem auf der Bestätigung angeführten 5-stelligen Code wird einer mit vier Ziffern verlangt, den ich nicht habe. Dreimal versuche ich es und lasse es dann zunächst bleiben.
Die Agentur bietet eine Hotline auch am Wochenende an, nur meldet sich dann ein AI-Bot, der das wiedergibt, was man ihm einprogrammiert hat. Nach einem Caffè Latte bei Starbucks inspiziere ich all die Verkaufsstellen und entdecke ein Servicebüro von Japan Rail, wo gerade nur 2 Personen angestellt sind. Ein junger Mann, der gut Englisch spricht, bedient mich, hat Geduld und nimmt sich meiner Sache an. Es schreibt mein schon bezahltes Ticket um und händigt mir eine Ersatzfahrkarte gegen Unterschriftsleistung (kostenfrei) aus.
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Als sich dann Stunden später ein ahnungsloser Agenturmitarbeiter bei mir per E-Mail meldet und gute Ratschläge erteilen will, antworte ich kurz und bündig, dass ich in Zukunft lieber direkt vor Ort ein Ticket kaufen werde. Der Shinkansen, der heuer sein 60 Jahresjubiläum begeht und ein dichtes Streckennetz auch in abgelegene Regionen in Japan hat, fährt alle 15 Minuten und es gibt 3 Wagons, für die man keine Reservierung benötigt.

Mit dem Nozomi (bedeutet übersetzt: Wunsch, Hoffnung, Verlangen) 12 fahre ich pünktlich um 10:45 Uhr von Shin-Osaka nach Tokio ab. Dank des Sitzkomforts in der 1. Klasse vergeht die 2 ½ Stunden dauernde Fahrt auf einer Strecke von ca. 550 km wie im Flug.

Auffallend ist, dass die beiden Großstädte längst zusammengewachsen sind. Und die meisten aneinander gereihten Wohnhäuser im Abstand von vielleicht 2 Metern, die man entlang der Bahntrasse sieht, sind erschreckend klein und bieten eine Wohnfläche von geschätzt weniger als 60 m2. In den Schrebergärten bei uns ins Wien sind inzwischen 100 m2 Wohnfläche zugelassen. Aber Bauland in Japan ist einfach viel teurer als in anderen Ländern.

Nie wieder ins APA Hotel Kayabacho Hachobori Ekimae
Im Schriftverkehr mit dem 100 Marathon Club Japan wurde mir der Treffpunkt für den 7. Nov. mitgeteilt – um 7:30 Uhr bei der U-Bahnstation Takebashi würde man mich erwarten. Mittels Webrecherche habe ich den Metroplan von Tokio studiert und mit Google Maps in der Nähe der Tokyo Station und der Tozai-Metrolinie nach preiswerten Hotels gesucht. Erneut fiel die Wahl auf ein APA-Hotel, dessen Frühstücksbuffet in Osaka einfach grandios war.

Ohne funktionierendes Internet am Handy den Weg zum ca. 1, 2 km entfernten Hotel auf Basis einer einfachen Skizze von der Tokyo Station ausgehend zu finden, dauert dann doch eine Weile. Aber bei jeder U-Bahnstation sind beim Abgang kartografische Wegweiser angebracht, die genau die Nebenstraßen und wichtige Gebäude anzeigen. Kayobacho ist nicht nur eine Metrostation, sondern auch ein „Grätzl“, wie man in Wien sagen würde.
Zuerst gehe ich am Hotel vorbei, weil davor ein Zubau die Sicht verstellt. Ich drehe um und prüfe die Hausnummern – endlich sehe ich den Eingang. Es wirkt mickrig im Vergleich zum APA-Hotel in Osaka-Umeda. Um 14:35 Uhr stelle ich mich hinter die auf den Check-in wartenden Gäste an, die sich wohl bis exakt 15 Uhr gedulden werden müssen. Denn die Rezeptionsmitarbeiter halten sich an die Hausordnung, auch wenn freie Zimmer eine halbe Stunde vorher schon verfügbar sein mögen.
Obwohl ich bei der Buchung ausdrücklich ein Zimmer in einer oberen Etage verlangt habe, quartiert man mich im 4. Stock ein. Wie bei 2420 in Osaka ist auch hier die Kleinheit von Zimmer 404 das Auffälligste. Die Samsonite-Tasche passt nicht unters Bett. Vier Wandhacken als Ablage erfordern Fantasie, wenn es um das Verstauen von Kleidung geht. Aber worauf ich mich freue, ist das morgige Buffetfrühstück.
Am frühen Abend frage ich bei der Rezeption nach, ab wann und wo man im Hotel frühstücken kann. „Not here, you go to a restaurant called Denny’s on the other side of the street. They open at 06:30 a.m. until 10:30”. Und dann zeigt mir die kaum Englisch sprechende junge Japanerin eine Menükarte, auf der in drei Reihen Speisen abgebildet sind, die man sich wählen könne. Von Buffet kann keine Rede sein. Der Zimmerpreis für 4 Nächte im APA-Hotel Kayabacho ist sogar etwas höher als jener in Osaka-Umeda. Man weiß, Tokio ist einfach teuer.
Ich finde um die Ecke ein preislich günstiges Lokal, wo Einheimische Abendessen. Bei Family Mart kaufe ich dann noch einige Kleinigkeiten ein wie eine 2 Liter Wasserflasche, Apfelsaft und Joghurt. Am nächsten Tag um 09:00 Uhr betrete ich Denny’s. Man weist mir einen „Katzentisch“ zu, weil ich allein komme. Meine drei garantierten Speisen setzen sich zusammen aus zwei Spiegeleiern mit Salat und drei dünnen Scheiben gebratenen Speck, einer etwas dicker in zwei Hälften geschnittenen Weißbrotscheibe und Kaffee oder Schwarztee zur Auswahl. Sonst gibt es nur Speisen bzw. Zusätze, für die man aufzahlen muss.
Ich sitze gerne länger beim Frühstück vor allem zu Hause und lese die Zeitung. Aber diese spartanische und kleinliche Ausspeisung macht keine Freude. Ich stelle mich darauf ein, von nun an täglich mit zugekauftem Proviant ins Restaurant zu kommen und Honig, Marmelade, Apfelsaft, Pfefferminzteebeutel, Joghurt und Schwarzbrot sowie Butter mitzubringen. Oder überhaupt auf das Restaurant zu verzichten und mir selbst mittels Wasserkocher allerlei im Zimmer zuzubereiten. Wie konnte ich nur wieder das APA-Hotel buchen? Booking.com lässt manchmal wichtige Dinge in der Beschreibung einfach weg. Nirgendwo stand zu lesen, dass das Hotel kein Frühstück serviert. Reingefallen oder Desinformation? Zutreffen wird wohl beides.
Inspektion des Marathonkurses am nächsten Tag
Um auf Nummer sicher zu gehen, nehme ich mir am 6. November vor, sowohl die vereinbarte Ausstiegsstelle Takebashi zu sichten als auch die beliebteste Joggingstrecke in Tokio abzugehen. Von Kayabacho aus benötigt die Tozai Linie (am Metroplan hellblau eingezeichnet) für die 3 Stationen (Nihombashi, Umstiegsstelle Otemachi und Takebashi) ca. 10 Minuten.

Irgendwer hat mir den Floh ins Ohr gesetzt, dass es sich um eine asphaltierte Laufstrecke mitten im Areal des Kaiserpalastes handle, für deren Benutzung man sogar zahlen müsse. Großer Irrtum, aber ich habe es immer wieder versäumt, danach zu „googeln“. Es ist ein ganz gewöhnlicher Spazier- und auch Radweg um den großen Park im Chiyoda Distrikt von Tokio, den sozusagen jedermann nutzen kann. Schon vormittags um 10:00 Uhr drehen Hunderte Freizeitsportler ihre Runden gegen den Uhrzeigersinn. Einheimische, Ausländer, die in Tokio arbeiten und auch so mancher Tourist, der vielleicht nahe am komplexen Parkgebiet eine Unterkunft bezogen hat.

Ich folge den Joggern und stelle fest, dass das Terrain leicht ansteigt. Da ich ja nicht im Stress bin und der Marathon erst morgen stattfinden wird, nehme ich mir Zeit für Fotos und bauliche Objekte bzw. nehme deren Namen bewusst wahr. Am Abend werde ich das Bildmaterial dann am Netbook genauer anschauen, um mich mit den vielen Sehenswürdigkeiten wie das Nationalmuseum für moderne Kunst am Park, der sich in mehrere Teilbereiche gliedert, etwas vertraut zu machen. Auch am East Garden bin ich schon vorher vorbeigekommen, wo zahlreiche Touristen auf die Öffnung warten. Auffallend ist, dass ein riesiger Wassergraben um das weitläufige Areal des Kaiserpalastes angelegt ist und an bestimmten Stellen (den Gates) befestigte Wachanlagen mit Polizeipräsenz eingerichtet sind.

Die traditionelle Kaiserpalast-Runde ist 5,3 km lang und weist 63 Höhenmeter auf. Weder Ampeln noch Kreuzungen behindern die Walker/Läufer. Entlang der mittelschweren Strecke befinden sich Getränkeautomaten, kartografische Informationstafeln, Schließfächer, Toiletten und sogar Duschgelegenheiten.
Der heutige Kaiserpalast, wo der Tenno („himmlischer Herrscher“) residiert und von der Palastpolizei bewacht wird, befindet sich auf dem ehemaligen Gelände der Burg Edo, von der heute nur noch Parks, Wachhäuser, Wassergräben und massive Steinwälle übrig sind. Das Gelände erstreckt sich auf 115.000 m2 und beinhaltet neben den kaiserlichen Gebäuden auch mehrere Gärten, die besichtigt werden können. Zur Kirschblüte im Frühling soll sich laut meinem Dumont-Reiseführer der Kitanomaru Park in ein wahres Blumenmeer verwandeln. Auch die Gärten des Kaiserpalastes Kouko Higashi Gyoen mit dem alten Sakuradamon Tor und der Nijubashi Brücke sind zu bestimmten Zeiten zugänglich. In das Innere des Kaiserpalastes kommt man gegen Voranmeldung mit einer kostenlosen Führung.
Die Chidorigafuchi Park Guide Map informiert über die vielen Arten von Kirschblüten᷊, die die Landschaft im japanischen Frühling bezaubern.

Hier befindet sich auch eine Anzeige mit Zusatzinformation, die in Gelb genau die empfohlene Joggingrunde markiert. Auf diese Weise kann man sich als Spaziergänger zudem gut informieren, an welchen Sehenswürdigkeiten man vorbeikommt. Allerdings wird das für den morgigen Marathon für meine Kollegen vom 100 MC von nachrangiger Bedeutung ein, wie wohl auch für sonstige Personen, für denen die körperliche Ertüchtigung durch Morgensport im Mittelpunkt steht.

Nach ca. 2 Kilometern folgt eine Abwärtspassage, auf der die Jogger an mir vorbeiflitzen und an Tempo zulegen. Das schöne Wetter heute lädt zum Laufen und Spazieren ein, Hobbyläufer trainieren auch sonst bei schlechteren äußeren Bedingungen. Ich rechne mir aus, dass man bei diesem langgezogenen Gefälle Zeit gutmachen kann. Das gibt Auftrieb und weckt die Ambition in mir – keinesfalls möchte ich in der zu erwartenden Altherrenriege des 100 Marathon Club Japan (zu weit) im Ergebnis abfallen bzw. zurückbleiben.

Was ich tatsächlich nicht wusste, ist die Tatsache, dass in Japan Linksverkehr herrscht. Das macht sich auf Gehsteigen, in Einkaufs- und Metropassagen, im Straßenverkehr und natürlich hier am Spazierweg rund um den Park bemerkbar. In einem Land, wo ganz penibel darauf geachtet wird, dass alles seine Ordnung hat, sind Regelverstöße ein Affront. Nur Touristen kommen mir als „braven“ Linksgeher ahnungslos auf ihrer rechten Seite entgegen, die Japaner halten sich an die Vorgabe.
Ich spaziere durch das Soto Sakurada-mon Gate durch und gelange zu den daneben befindlichen Kokyogaien National Gardens.

Am riesigen Vorplatz, der für Läufer und Radfahrer gesperrt ist, drängen Touristen, die möglichst nahe zur bewachten Abgrenzung für einen Fotoschnappschuss eines gut 300 m entfernten Vorbaus des Palastes kommen wollen. Immer wieder pfeift oder schreit ein Ordner, ja nicht zu nahe zu kommen.

Die japanische Sprache klingt für mich hart, irgendwie grob. Eine angeborene Musikalität, die man in Japan so schätzt, höre ich nicht heraus (etwa im Vergleich zum Italienischen). Vielleicht ist darum Wien, die Stadt der Musik für kulturbewusste Menschen in dem 125 Millionen Einwohner umfassendem Land so geschätzt?

Der Kurs des offiziellen Tokiomarathons, der 7 Stunden geöffnet ist, führt bei Kilometer 5 auf der Sotobori-dori Av. in größerer Entfernung an den Kokyogaien National Gardens vorbei.

Ich befinde mich mittlerweile auf dem Rückweg zur Takebashi Metrostation. Auffallend sind die gepflegten, kurz geschnittenen Schwarzkieferbäume in den Parkanlagen, die wie größere Bonsais aussehen.

Ich verweile nochmals an der Tafel, die den Kokyogaien National Garden veranschaulicht. Anschließend spaziere ich an den East Gardens vorbei und erreiche nach ca. 1 ½ Stunden den morgigen Startbereich am Ausgang 1 a der Takebashi-Metrostration.

Einige Stunden verbringe ich in Shinjuki, neben Ginza und Akihabara ein überlaufener Stadtteil von Tokio, wo die Touristen am Abend die Geschäftsstraßen inmitten einer faszinierend bunten Lichterkulisse eher planlos auf und ab spazieren.

Anime bzw. Figuren aus diversen Videoserien sind in Japan allgegenwärtig und daher populär (inzwischen fast in aller Welt). Eine Beliebtheitsrenaissance längst nicht nur bei Kindern feiert Pikachu, das bekannteste Wesen der Pokemonfamilie. Vielleicht sollte ich ein Stofftier kaufen, um es im Auto oben am Rückspiegel zu befestigen?

Mein Hauptinteresse gilt aber Laufschuhen – wegen der Dauernässe beim Yodo River Marathon hat sich die Sohle bei meinen neuwertigen Asics-Trailschuhen am linken Absatz gelöst. In Osaka am Bahnhof habe ich sie in einer Filiale vom Mister Mint, den es auch in Japan gibt, notdürftig wieder ankleben lassen – die Frage stellt sich, ob der Pick halten wird. Aber in drei Geschäften werde ich vertröstet: in Japan bekommt man keine 48er Schuhe, die Größen enden bei max. 45.
Und Japan ist teuer, wenn man die Preise für Obst (Beerenfrüchte etc.) mit unseren vergleicht, dann schmecken bspw. Äpfel zur freien Entnahme bei der Rezeption gleich besser.

Im Oktober 1990 habe ich an der „Info Japan“, eine internationale IT-Konferenz mit Steven Jobs als Hauptredner, teilgenommen. Wegen der hohen Kosten lief die Genehmigung dieser Dienstreise über das Bundeskanzleramt. Aber 34 Jahre später hat sich das Stadtbild in Shinjuku sichtlich verändert, der Kaufrausch (z.B. sind damals Russen aus Sibirien extra nach Tokio gereist, um Flachbild-TV-Geräte in ihre kalte Heimat zu verfrachten) hat sich sousterrain verlagert. Auch ich war damals fasziniert von der TV- und Kameratechnik in Japan: ein tragbarer Toshiba-Minifernseher mit 2,4 Zoll-Display funktioniert noch heute, ihn habe ich aber inzwischen irgendwo verstaut. Und als ich damals gegen 9 Uhr am Morgen durch die Unterführung zur Marunouchi Line gegangen bin, kamen mir Tausende Japaner in dunklen Anzügen entgegen, die alle in die Gegenrichtung eilten. Ordnung muss sein: Unterstandslose gab es damals auch in Japan, sie wurden offiziell von den Behörden in der Metrostation in beengten Kojen aus Pappe untergebracht und waren sichtlich zufrieden.
Beim Kaiserpalast Marathon in Tokio mit Dauerpacer Kazuyoshi an meiner Seite
Auf das Frühstück bei Deny’s verzichte ich heute gerne. Es würde sich wegen dem frühen Treffpunkt auch gar nicht ausgehen. Bereits um 05:00 Uhr stehe ich auf und bereite mir selbst etwas zu. Die Erfindung des Wasserkochers ist ein Segen. Bei vielen Marathons in der Vergangenheit, die früh oder gar um Mitternacht begonnen haben, etwa wie heuer in Manila, musste oder besser konnte ich auf ihn zurückgreifen. Problemlos kann man Wasser (zum Zubereiten für Tee oder Kaffee) erhitzen, beim Erwärmen von Milch muss man aufpassen, dass sie sich nicht anlegt. Eier können platzen, dann ist eine Reinigung genauso erforderlich, wie wenn man Würstchen „kochen“ will, Fettreste innen im Gerät sollten beseitigt werden.
Ich habe mein Kommen dem 100 Marathon Club Japan schon vor der Abreise und dann erneut angekündigt, als ich in Osaka eingetroffen bin. Man würde mich am 7. November beim Ausgang 1a der Metrostation Takebashi erwarten. Ich kenne inzwischen den Weg genau, war ich doch gestern eigens vor Ort, um den Kurs zu erkunden. Aber man will auf Nummer sicher gehen: der Generalsekretär des Clubs erwartet mich persönlich noch in der U-Bahnstation. Wir schütteln uns die Hand, bisher bestand zwischen uns beiden ja nur Mailverkehr. Er geht voran, beim Stiegenausgang steht ein Baum, auf dem Kazuyoshi ein weißes A3-Blatt im Querformat mit der Aufschrift „Willkommen Anton Reiter“ mit einem Klebeband befestigt hat. Ich muss lachen, er freut sich darüber.
Kazuyoshi führt mich hinüber zur wartenden Gruppe, noch fehlen einige, die sich angemeldet haben. Pünktlichkeit kann man mir heute nicht absprechen. Es ist 07:28 Uhr, Zeit bis zum Start ab 08:00 Uhr bleibt genügend. Leider spricht nur Masako Goto einigermaßen Englisch. Sie ist sozusagen die Dolmetscherin, wenn mich die Kollegen allerlei fragen. Masako erzählt, dass sie zweimal beim Wien Marathon war. Sie sei auch Mitglied im Country Marathon Club, aber weil sie auf den Fünfundsechziger zugehe, sind ihre Reiseambitionen nun kleiner geworden. Der beliebteste Treffpunkt des 100 Marathon Club Japan sei das regelmäßige Training am Kaiserpalast-Rundweg, wo man ja auch an die 70 Clubmarathons pro Jahr organisiere und abwickle.

Etliche Läufer haben das offizielle Clubshirt angezogen, es ist in rosa gehalten. Man hat für mich eines in Größe L mitgebracht, das mir nun Kazuyoshi übergibt. Ich streife es für ein Gemeinschaftsfoto mit der Clubführung über, dann ziehe ich es wieder aus, damit ich es nicht anschwitze und vielleicht nach dem 18. Nov. in Dubai tragen kann – ich habe dort eine Woche Urlaub eingeplant. Falls ich auch beim Marathon in Kuwait am 30. Nov. starte, werde ich länger in den Emiraten bleiben.
Auch beim 100 MC Japan gilt die Regel, dass zumindest fünf angemeldete Läufer am Start stehen und in der Regel drei dann den Lauf auch beenden müssen, damit der Marathon gezählt werden kann. Diese Regel ist ja bei den meisten Laufvereinen gang und gäbe – ich zähle an die 10 Personen, die sich hier eingefunden haben. Aber nicht alle dürften starten, es sind Clubmitglieder drunter, die schon mehrere Runden hinter sich haben und wohl aus Neugierde hier sind. Auch Masako wird nicht am Marathon nicht teilnehmen können, weil sie heute Vormittag ihre Enkeltochter betreuen muss, entschuldigt sie sich bei mir.
Kazuyoshi hat mir geschrieben, dass ich für Getränke und ev. Nahrung selbst sorgen müsse. Die anderen haben inzwischen ihre Taschen mit diversen Utensilien auf eine Rundbank unter einem Baum gelegt. Keiner würde hier Laufsachen und Getränke wegnehmen, meint Masako. Zu viele Jogger kommen hier vorbei und jeder weiß, dass die Sachen Sportlern gehören, die in Japan Respekt genießen.
Einer in der Gruppe, dessen Name ich mir nicht merke, wurde seinerzeit vom japanischen Leichtathletik-Verband mehrfach zur WM- und Olympiade entsandt, erzählt Kazuyoshi. Der alte Herr mit markanten Gesichtszügen dürfte an die 80 sein, will aber heute die 42,195 km angehen. Keine Rede ist mehr von den 8 Stunden, die Kazuyoshi in der Ausschreibung genannt hat.
Ich möchte die bevorstehenden 8 Runden mit über fünfhundert Höhenmetern (63 m x 8 Runden) im schnelleren Gehtempo bewältigen. Die Reibblase am 4. Zehen rechts hat sich etwas entzündet, ich habe sie mit Pepanthen, eine Wundsalbe, behandelt, aber im Schuh wird beim Gehen ständig Druck erzeugt, sodass sie nicht abheilen kann.
Es geht los, gegen den Uhrzeigersinn. Kazuyoshi bleibt neben mir, alle anderen lassen sich zurückfallen. Er will mir den genauen Weg zeigen. Wir weichen vom Rundkurs etwas ab und machen einen Abstecher in den Park, wo eine große Tafel angebracht ist, die die unterschiedlichen Kirschblüten veranschaulicht, worauf ich schon hingewiesen habe. Gestern war ich auch dort, der Weg hat eine Schotterauflage, die ich gar nicht mag. Kazuyoshi weist darauf hin, dass der Bereich Kitanomaru Park genannt wird – auch das habe ich gestern mitbekommen und entsprechend viele Fotos gemacht. Die Tafel zeigt, wie schon erwähnt, in gelber Strichführung mit Pfeilen den (idealen) Verlauf, den Walker und Jogger rund um den Park nehmen sollen.

Als es dann hinuntergeht und ich einige Laufschritte einlege, schließt sich mein Begleiter gleich an. Mir wird klar, dass der 67-jährige Kazuyoshi wohl nur aus Höflichkeitsgründen an meiner Seite verweilt. Er wäre alleine und wohl als Einziger uns allen schon enteilt. So aber walken wir schnellen Schrittes (ca. 9:30 min/km) Seite an Seite und passieren nach und nach all die Sehenswürdigkeiten, die mir schon gestern aufgefallen sind. Für die 1. Runde benötigen wir eine Dreiviertelstunde, beim Ausgangs- bzw. Stützpunkt wartet Masako auf uns. Sie hat groß eingekauft – mehrere 1 Liter Flaschen eines Isogetränkes, Bananen, Nüsse und auch Süßigkeiten. Dafür hat sie locker 3000 oder sogar 4000 Yen ausgegeben. Die japanische Gastfreundschaft ist manchmal fast peinlich. Aber der Japaner erwartet sich eine Retourgabe.
Bisher hat uns keiner eingeholt, die anderen Starter liegen um einige Minuten zurück. Auf der Bank liegt ein Formblatt, wo jeder Teilnehmer mit Namen etc. vermerkt ist. Jeder hakt seinen Durchgang dank der gleichgebliebenen Strecke mit genauer Vermessung schon in den Jahren zuvor ab, die Zeitnehmung erfolgt auf GPS-Basis. Inzwischen bewacht ein weiteres Clubmitglied die Station und checkt auch die Durchgangszeiten.
Weil Kazuyoshi nur wenig Englisch spricht, können wir uns nicht wirklich unterhalten. Aber die Zeit vergeht, wir legen gemeinsam Runde um Runde zurück. Auf der 4. Runde überholen wir einen Kollegen beim Sakuradamon Tor und sprechen einen Touristen an, damit dieser uns drei fotografiert.

Die folgende Umrundung des Parks dauert dann etwas länger, weil wir gestoppt werden: Dekorierte Pferdekuschen sind mit Polizeieskorte auf dem Weg in den Kaiserpalast. Es wird großräumig abgesperrt. Wir warten mehrere Minuten.

Einmal benutzt Kazuyoshi das WC im Park, er deutet an, dass ich nicht auf ihn warten muss. Und tatsächlich sind seine Reserven so groß, dass er trotz einen Kilometer Vorsprung meinerseits bald wieder zu mir aufgeschlossen hat.
Als wir nur mehr die Schlussrunde vor uns haben, sehe ich auf der Eintragungsliste, dass ein Starter schon vorher ausgefallen ist – er hat nach 4 Runden bei ca. 22 km abgebrochen und den Marathon damit nicht zu Ende geführt.
Ich bin dann froh, als nach sieben Stunden und 24 Minuten Schluss ist – Kazuyoshi und ich haben die gleiche Finisherzeit. Allein hätte er vielleicht knapp über oder sogar in unter 6 Stunden gefinisht.
Während des Laufes bläst der heftige Wind meine Kappe runter – Kazuyoshi hebt sie auf. In seinen Augen erkenne ich Interesse an der Kappe vom Orlen Marathon in Warschau 2017. Nach dem Finish übergebe ich sie ihm als Erinnerung an unser gemeinsames Marathonabenteuer mit dem Hinweis, dass er sie unbedingt waschen sollte.
Kurzes Fazit
Natürlich ersetzt die Teilnahme an einem solchen Privatmarathon des 100 MC Japan, der den Teilnehmern als Training und zur Erhöhung der eigenen Marathonanzahl dient, nicht den offiziellen Lauf in Tokio, in dem man wegen des großen Andranges nur über die Laufzeit, ein heimisches Reisebüro mit einem beschränkten Kontingent oder neuerdings über eine größere Donation (ab 1000 Euro „Spende“) an eine japanische Charityorganisation kommen kann. Ich habe letzteres heuer probiert, kam aber trotzdem nicht zum Zug.
Meinen Länderpunkt habe ich mit dem Yodo River Marathon in Osaka am 3. Nov. erworben. Die Teilnahme an einem Lauf über die (für viele immer noch „magischen“) 42,195 km des 100 MC Japan betrachte ich als ehrenvolle Draufgabe.
Die Ergebnisse der 270. Ausgabe werden laut dem Generalsekretär auf die Website des 100 MC Japan gestellt werden: amebaownd.com


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