Bereits 2023 habe ich mich für die damalige 25. Jubiläumsausgabe registriert, musste aber dann passen.
Mit einer starken Erkältung bin ich vom Standard Chartered Nairobi Marathon am 30. Oktober nach Dubai zurückgekommen und wollte mir den 9 Stunden Flug über Nacht nach Osaka nicht antun. Ich ließ das Startgeld verfallen und legte noch einige Urlaubstage in Dubai ein. Über Runnet Global habe ich mich heuer bereits im August für diesen Bewerb erneut angemeldet. Mir fehlt bis dato der Marathonländerpunkt für Japan.
Aufwendige Reiseorganisation wegen weiterer geplanter Marathonteilnahmen
Wenn man so eine weite Reise vor sich hat, möchte man gleich mehr „mitnehmen“. So habe ich mich für weitere zwei Marathons in der Folge in Japan registriert, nämlich Fukuoka und Kobe, immer mit Bedacht auf die Öffnungszeit, die 7 Stunden betragen sollte. Ich will mich nicht ständig wiederholen, aber ich habe gewisse orthopädisch bedingte Handicaps, die nur mehr ein langsames Laufen oder schnelles Gehen zulassen. Aufgeben will ich mein geliebtes Hobby, Marathonlaufen mit Reisen in ferne Länder zu verbinden, aber (noch) nicht.
Parallel dazu kontaktiere ich den 100 Marathon Club Japan, um nachzufragen, ob die in den Jahren zuvor regelmäßig stattgefundenen Clubmarathons weiterhin auf dem Programm sind. Man bietet mir an, mich gerne einzubinden: Am 7. und am 10. November seien wieder zwei Läufe angesetzt, für die man 8 Stunden rund um das Gelände des Kaiserpalastes Zeit habe.
Zudem ist auf planet-marathon.de und auf der Facebook-Seite des Country Marathon Club seit Monaten ein öffentlich zugänglicher internationaler Marathon in Peking angekündigt, der mir einen weiteren Länderpunkt bringen würde. Allerdings liegen dazwischen 2 Wochen, die zu überbrücken sind. Vom 3. November (Osaka) über Tokio (7.11.) bis zum 16. November (Peking) sind es genau 13 Tage, die ich in meinen Planungen berücksichtigen muss. Ich möchte an drei voneinander völlig unabhängigen Marathons teilnehmen, zwei Läufe über die 42,195 km finden in Japan statt, der dritte in der chinesischen Hauptstad Peking. Dieses Unterfangen benötigt Logistik und wird mich letztlich einige Tausend Euro kosten. Aber ich kann für mich verbuchen, dass ich mir in den vergangenen 30 Jahren eigentlich nie Selbstvorwürfe wegen überhöhter Reisekosten gemacht habe – als Student vor 50 Jahren war das anders, da drehte auch ich den Schilling zweimal um.
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Anreise über Dubai nach Osaka
Am 30. Oktober fliege ich mit dem Emirates Airbus A380 von Wien aus zunächst nach Dubai, bleibe dort 1 ½ Nächte und setze meine Reise dann am 1. November um 03:10 Uhr fort. Doch dies mit größter Verunsicherung wegen laufender Mails vom Veranstalter, die eine mögliche Absage ankündigen. Heuer habe bereits zum 21. Mal ein Taifun über Japan und auch in benachbarten Staaten schwere Schäden angerichtet. Da der Yodo River dzt. Hochwasser führe und tlw. über das Ufer getreten sei, können amtliche Stellen eine Sperre der Laufstrecke und damit ein Gesamtverbot der Durchführung verhängen, wird angekündigt. Ich denke kurzfristig daran, erst gar nicht hinzufliegen, riskiere es aber dann doch. Die Mails der Organisation machen deutlich, dass man alles tun werde, schon wegen der vielen Läufer aus Übersee, den Marathon irgendwie „durchzuboxen.“
Die nächtliche Abflugzeit um 3 Uhr früh bedeutet letztlich, dass man um den Schlaf gebracht wird, weil man gut 2 Stunden vorher am Flughafen sein muss. Alle Sitze mit erhöhter Beinfreiheit sind seit Wochen in der Economy Klasse ausgebucht bis auf Nummer 80 H. Der ist aber am hintersten Ende der großen Maschine – und warum die ganze Reihe frei geblieben ist, wird mir bald klar: Daneben befindet sich das Bordservice, wo ständig die Stewardessen hantieren, zusammenräumen, Essen, und Getränke auf den Schiebewagen laden und so Lärm erzeugen. Ruhe finden kann man in diesem Eck nur schwer. Dann kommt ein junges Pärchen und setzt sich ganz unverschämt neben mich, ohne für diese Sitze bezahlt zu haben und verstärkt durch ihr Gequatsche auf Französisch den Lärmpegel. Bei Emirates geht das, weil die Stewardessen netterweise wegschauen. Bei Lufthansa etwa kann man angeschnauzt werden und müsste den Platz sofort räumen – so habe ich es voriges Jahr im Oktober auf dem Flug Frankfurt nach Astana erlebt.
Als wir uns Peking nähern – wie das große Wanddisplay anzeigt – kommen Turbulenzen auf, die immer stärker werden und bis zur Landung mehr als 1 Stunde andauern. Von meinen vielen Flügen weiß ich, dass man auch in einer so großen Maschine wie im A380er Airbus ordentlich „durchgewackelt“ werden kann. Es ist längst finster, als wir um 17:15 Uhr Ortszeit am Kansai International Airport (KIX) etwas verspätet landen. Man sollte sein schon im Flieger ausgehändigtes Einreiseformular ausgefüllt haben, wenn man mit seinem Gepäck zu den Immigrationsschaltern kommt. Wie heutzutage in vielen Ländern üblich, erfolgt die Abnahme der Fingerabdrücke und mittels Gesichtserkennung wird man zum gläsernen Menschen. Aber die Kontrolle geht trotzdem zügig vonstatten. Wer nichts zu verzollen hat, kann rasch den Exit passieren. Mein erster Weg führt mich zu einem ATM Geldautomaten, um eine kleinere Summe Bargeld zu beziehen – mit 20.000 Yen (ca. 130 Euro) Reserve, wenn eine Bezahl- bzw. Kreditkarte vielleicht nicht erkannt wird, sollte ich für „Zwischendurchzahlungen“ gut über die Runden kommen. Das für 4 Nächte gebuchte APA Hotel nahe dem Bahnhof in Umeda ist ja längst per Kreditkarte besichert und der Betrag (an die 570 Euro) wahrscheinlich auch schon abgebucht.

Der Japan Flughafen Railway Express ist eine von mehreren Möglichkeiten, rasch (in 39 Minuten) in die City zu kommen. Auch der Fahrpreis ist mit 3200 Yen (1 Euro = ca. 160 Yen) moderat, zumal ja Japan als Hochpreisland gilt. Es schüttet in Strömen, vom Umeda Bahnhof bis zum Hotel sind es nach meiner Recherche ca. 8 Minuten Fußweg. Da ich keine Internetverbindung am Handy habe und ohne Schirm im anhaltenden Taifunregen nicht vollständig nass werden will, nehme ich ein Taxi zum Hotel. Ein junger Mann teilt seinen übergroßen Schirm in der Warteschlange mit mir, er bietet mir an mit ihm mitzufahren. In Japan bezahlen fast alle mit dem Handy. Bargeld ist out. Laut Anzeige am Taxometer beträgt die kurze Fahrt bis zum Hotel 800 Yen. Einen Hunderter kann der freundliche Typ nicht wechseln, 5 Euro nimmt er nicht an. So komme ich zu einer Gratisfahrt.

Das APA Hotel in Umeda ist Teil einer Kette von dzt. 26 unterschiedlich großen, aber weitgehend gleich ausgestatteten Unterkünften nahe dem Viersternniveau. Im riesigen Foyer ist ein Schirmständer aufgebaut, Hotelgäste dürfen einen entnehmen und sollten ihn auch wieder zurückstellen. Es herrscht ein Kommen und Gehen.
Statt einer Rezeption muss man sein Check-in an einer Maschine, nennen wir es Automaten, abwickeln. Der Reisepass wird eingescannt, dann bekommt man Berge von kleinen Zetteln (u.a. für das Frühstück, falls mitgebucht) und auch die Keycard für die Benutzung des Aufzugs (vorteilhaft bei 34 Stockwerken) zum Betreten des Zimmers und zur Aktivierung der Beleuchtung. Das Zimmer ist dann so klein, dass es einem die Sprache verschlägt. Es gibt keinen Kasten und auch keine Ablage, nur vier Kleiderhacken in den baugleichen Räumlichkeiten zum Nächtigen. Meine neue Samsonite Tasche lässt sich nicht unter dem Bett verstauen. Aber das war bei meiner ersten Reise nach Japan/Tokio 1990 auch schon so – meine Füße lugten über dem Bettrand 30 cm hervor.
Mein Zimmer ist im 24. Stock (2420), der Blick durchs Fenster bietet eine Sicht auf eine total verbaute Stadt, doch dieser Eindruck täuscht: Osaka hat „nur“ 2,7 Mio. Einwohner, allerdings bei einer Bevölkerungsdichte von ca. 12.000 Einwohnern je km2 (Wien im Vergleich: 2 Mio., 4800 Einwohner pro km2). Osaka wird übrigens 2025 in der Nähe des Flughafens Kansai die Weltausstellung beherbergen. Laut Pressemeldung steht die Österreichische Wirtschaftskammer mitten in den Vorbereitungen für den Aufbau eines Österreichhauses (wie 2020 in Dubai, das aus meiner Sicht eine bauliche Enttäuschung war, 2x war ich drinnen).

Abholung des Startpaketes bei anhaltendem Wind und Regen
Das phantastische Buffetfrühstück kompensiert jegliche Unannehmlichkeit, auch wenn man sich diese vielleicht auch nur eingebildet hat. Im Hilton in Wien bspw., wo man gut Brunchen kann, ist das Angebot nicht so üppig. Ich erlebe bei meinem ersten Frühstück im APA Hotel Umeda, dass es neben all den von zu Hause gewohnten Produkten wie Semmel, Butter und Honig, Cornflakes, ein 3 Minuten Ei, Joghurt etc. hier alternativ allerlei gekochtes warmes Gemüse, Nudeln, Fisch und Fleisch wie bei den Hauptmahlzeiten gibt und man asiatische Kost in großer Auswahl vorfindet. Die anwesenden Japaner essen Hauptspeisen zum Frühstück.
Aber ich bin ja nach Osaka eigentlich nur wegen des Marathons am Sonntag gekommen. Die Rennleitung schickt täglich an alle registrierten Teilnehmer ein Update per Email aus und informiert, wie die Lage aussieht. Die Wetterverbesserung für den Samstag ist zwar ausgeblieben, doch bis Sonntag soll der Taifun endlich nach Osten abziehen, wird optimistisch angekündigt.
Die Startunterlagen werden heute (2. Nov. 2024) von 12 bis 17 Uhr im Start- und Zielgelände beim Fluss ausgegeben. Ich schreibe mir die Adresse auf einen Zettel auf: Osaka Prefecture, 3-16 Taishibashi, Asahi-ku, Osaka City. Die Rennleitung empfiehlt die Tanimachi Line zu nehmen, bei der Station Moriguchi auszusteigen und dann ca. 10 Minuten zu Fuß zum Fluss zu gehen.

Der Einzelfahrschein kostet 240 Yen, ich beziehe vom Automaten ein Tagesticket um 620 Yen, dann erspare ich mir ein weiteres Anstellen. Bezahlen kann man Karte und auch mit Münzen. Ich hätte mir das Notieren der Adresse sparen können, denn je näher der Zug zur Ausstiegsstelle kommt, desto mehr Menschen steigen zu, denen man es am Gesicht und an der Kleidung irgendwie ansieht, dass sie Läufer sind: von „ausgemergelt“ kann zwar nicht die Rede sein, doch Übergewichtige sind nicht darunter.
Ich schließe mich dem Strom der zum Fluss eilenden Menschen an, der Regen hat wieder eingesetzt, doch meinen im Rucksack befindlichen Knirps will ich nicht nass machen, die Outdoorjacke hat eine Kaputze, das sollte reichen. Über die Betonstufen geht es hinauf auf eine ca. 6 m hohe Böschung. Die Sicht hinunter auf den Yoda, ein bedeutender Fluss in Osaka mit einer Länge von 75 km, ist fast idyllisch. Er ist an beiden Ufern nicht nur ein beliebtes Erholungsgebiet, sondern wird durch Dämme und Wasserkraftwerke auch zur Energiegewinnung genutzt. Er fließt in die Osaka-Bucht und hat ein Einzugsgebiet von 8240 km2. Ziel des Marathons ist laut Veranstalter die Menschen in der Region und aus dem Ausland auf die Schönheit der Natur am Yodogawa – üblicherweise nach einem Stadtteil Osakas benannt – aufmerksam zu machen.

Als ich auf der anderen Seite die Stufen vorsichtig in der gewohnten Schonhaltung beider Knie – Betroffene wissen, dass man bei Knorpel- und Meniskusschäden im Knie nur mit Schmerzen abwärts gehen kann (außer man nimmt vorher einen Blocker wie z.B. Naprobene etc.). Unten ist die Flussidylle dann vorbei: der Boden ist aufgeweicht, Schlamm, Wasserlachen überall, man versinkt im „Gatsch“. Der Startbereich für morgen ist längst aufgebaut, aber statt Gras sieht man nur schlammige Erde.

Als ich die 200 m zu den Zelten, wo die Bibs ausgegeben werden, geschafft habe, sind meine Outdoorschuhe trotz erhöhter Sohle „waschelnass“. Der Empfang dort ist sehr freundlich, man sei guter Dinge, dass alle Bewerbe, also der 10 km-Lauf, der Halbmarathon und das Herzstück über die vollen 42,195 km morgen stattfinden werde, sagt man mir der Wortführer, ein junger Mann unter 30. Die meisten Japaner, auch die jungen Leute, sprechen trotz guter Schulbildung mit strenger Auslese sonst kaum Englisch. Bei der Abholstelle prüft man die Bestätigung von Runnet, will meinen Reisepass sehen und nickt dann. Nur mit dem jungen Mann kann ich mich unterhalten, vielleicht ist er der Mailschreiber.

Der Andrang ist groß, der Yodo River Marathon ist ein Laufsportevent für jedermann, eine Volkslauf schon wegen der großzügigen Öffnungszeit von 8 (!) Stunden. Und ich werde dabei sein und gar nicht auffallen, weil es Walker geben wird, denen ich wegen meiner Schrittlänge davoneilen werde können – wenn der Marathon stattfinden wird.

Mein Marathontag am Yodogawa Fluss
Bereits am Vortag um 18 Uhr bekomme ich die Nachricht auf meinen gmx-Account, dass es nun fix sei: der Marathon wird ausgetragen, die Wettervorschau kündig trockenes, warmes Wetter mit viel Sonnenschein an. Glück gehabt, mein erhoffter Länderpunkt stand auf dem Spiel.
Leider kann ich heute ab 6:30 Uhr nur kurz beim tollen Frühstückbuffet in Apa Hotel Umeda verweilen, bereits um 7 Uhr mache ich mich bereit für die 30-minütige Fahrt mit der Metro nach Moriguchi, der vorletzten Station der Tanimachi Linie. Um diese Tageszeit befinden sich im Zug fast nur Laufsportler, auch welche aus westlichen Ländern dem Aussehen nach, sieht man.

Hunderte drängen zum Startbereich, am Weg dorthin fällt mir erneut auf, in welchen kleinen Wohnhäusern hier in einem Vorort von Osaka die Menschen leben.

Dass der Yodo River Marathon sehr beliebt ist, kann man an einem Panoramafoto von oben am Damm stehend nachvollziehen.

Ich vermeide es, schon eine Stunde vor dem Start meine Laufschuhe zu durchnässen, aber dies gelingt nur teilweise. Als ich am Weg zur Kleiderdeponie mit vorne hochgezogenen, bewusst von zu Hause mitgenommenen Trail-Laufschuhen primär nur auf den Absätzen auftrete, sind meine „Treter“ bald genauso nass wie jene meiner heutigen Mitstreiter, die auch, wenn sie knöcheltief im „Gatsch“ versinken, trotzdem gut gelaunt dahin stapfen. Der Boden ist total durchnässt, die vielen Starter sorgen für mehr Aufweichung.
Eine halbe Stunde nach dem Start der Halbmarathonläufer (rote Startnummern) um 08:30 Uhr sind wir dran. Die Marathonläufer haben blau unterlegte Nummern und ihr Start ist um 9 Uhr. Ich versuche mich möglichst vorsichtig äußerst links auf den nicht so aufgeweichten Restgrasabschnitten die 30-40 m auf die asphaltierte Uferstraße hinaus zu bewegen. Man konnte seine erhoffte Laufzeit angeben, mit über 6 Stunden teilte man mir die Gruppe E zu. Die letzte Gruppe H war wahrscheinlich nur fiktiv, am Start habe ich keinen Läufer gesehen, der sich für auf eine Finisherzeit von 8 Stunden angemeldet hat.

Bei tlw. starkem Gegenwind verläuft der Marathonkurs zunächst leicht ansteigend auf der linken Seite des wegen des Hochwassers schmutzig braun gefärbten Yoda River auf einer asphaltierten, aber tlw. schon etwas „ramponierten“ Uferstraße (nicht für den Verkehr zugelassen, sondern für Radfahrer, Spaziergänger etc. vorgesehen) nach Norden. Auf dem Fluss sieht man viel Treibgut, auch Abfälle wie Plastikflaschen sowie entwurzelte Bäumen und abgebrochene Äste.

Wer denkt, dass nach dem großen Regen und heute bei Sonnenschein alles Bestens sei, wird enttäuscht: Ausgedehnte Wasserlachen behindern das Vorankommen. Man hat Sperrpylonen aufgestellt, die Läufer müssen auf die Uferböschung ausweichen. Doch hier ist der Boden auch aufgeweicht, man wird nass und schmutzig.

Zur Rechten sind die Kilometermarken ausgewiesen – für die ersten 5 km habe ich 46 Minuten benötigt. Ohne einen Schritt zu laufen, sondern in einem schnelleren Walkingtempo von knapp über 9 min/km. Hinter mir sind zu diesem Zeitpunkt noch Hunderte, für die vielleicht das Motto gilt: 42,195 km in 8 Stunden schaffe ich auch (locker) im Gehen.

Bald darauf kommt uns auf der linken Seite die Vorhut entgegen, lauter „Tempobolzer“ (falls dieser Ausdruck für Läufer passend ist), die bereits am Rückweg zum Startbereich sind. Alle spurten unverdrossen durch das auf der Straße tlw. knöcheltiefe Wasser, egal wie nass sie/ihre Laufschuhe dabei werden.
Schon die ganze Zeit bewege ich mich hinter einem Läufer/Walker mit Pumuckl-Perücke (oder soll vielleicht sein Kopfschmuck eher an bestimmte Farbelemente in der Regenbogenfahne erinnern?), der einmal läuft, dann wieder zurückfällt. Ich habe ihn schon mehrmals geknipst, aber er kommt nicht so richtig vom Fleck.

Immer mehr sind nun schon auf dem Rückweg, 1:12:00 h für 7,61 km zeigt meine betagte Garmin-Uhr an, ca. 9:30 min/km (Walking-Tempo). Etwas müde fühle ich mich trotzdem, weil der Wind bei mir mit 1,92 m Körpergröße mehr Angriffsfläche hat.

Es folgt eine Passage, die fast nur auf tiefem Boden verläuft, es ist längst aussichtslos, dem „Gatsch“ ausweichen zu können.

Bei der 9 km-Marke (auf meiner Uhr nach 1:26:43 Gehzeit) wird es dann wieder trockener. Ich schließe mich einer Dreigruppe an, die eine sichtlich erfahrene, zierliche Läuferin mit Trailrucksack am Rücken und auffallend ausgeprägter Beinmuskulatur anführt – ich habe den Eindruck, dass sie für die beiden Herren an ihrer Seite (wirken wie Oldies) als Tempomacherin agiert. Ich schaffe den Zehner in 1:36 h, was zeitlich passt, wenn man reines Walken als Maßstab nimmt.

Die Wende erfolgt knapp vor Kilometer 12, ich bin beruhigt, es sind viele, die noch hinter mir nachkommen, auch welche aus der Gruppe E, sonst hauptsächlich aus Startgruppe F. Die 12 Kilometer-Anzeige erreiche ich nach 1:55:28 Stunden laut meiner GPS-Uhr. Somit bin ich bestens in der Zeit, wenn man die 8 h-Vorgabe ins Kalkül zieht. Für einen Nichtbehinderten wäre das sonst ja eher das Ende seiner Ambitionen, zumal ich noch vor einigen Jahren den Halbmarathon in 2:30 h absolvierte, dadurch hatte ich danach 3 Stunden 30 Minuten Zeit, um 6 Stunden-Schusszeiten zu schaffen. Vor 15-20 Jahren waren meine Marathondurchgangszeiten beim Halben auch unter 2 Stunden, zumeist aber 2:05 bis 2:10 h. Dem kann ich heute nur mehr nachtrauern. Und dennoch sind an diesem Tag welche deutlich hinter mir, die nicht 70 Jahre alt sind und kaputte Knie wie ich haben, sondern einen Trainingsmangel verzeichnen (wie ich inzwischen ja auch).
Der Pumuckl wird mich nicht los, immer wieder rücke ich im nach – eig. ungewollt, nur wartet er auf seine Begleiterin, die auch beim Gehen Probleme hat.

An den Versorgungstellen gibt es Wasser aus großen Kanistern in Becher gefühlt, Iso und sogar Gels (Päckchen zu 100 ml).

Abschnitte auf tiefem nassen Boden wechseln sich ab mit trockenem Asphalt. Jeder hat schon nasse Füße.
Bei der 14 km-Marke zeigt meine Uhr 2:16:35 h an. Ich hole die Dreiergruppe mit der trainierten Pacerin wieder ein. Ihre beiden Herren links und rechts dürften müde geworden sein. Wir, die Langsamen, machen um die Wasserlachen auf der Laufstrecke einen Umweg.

Die 15 km erreiche ich nach 2:26:46 h. An der Versorgungsstation sind die Gels längst weg, Wasser und Iso ist noch zu haben. Die längste Zeit schon sind mir Radfahrer in roten Shirts („AED, Staff“) aufgefallen, die per Handy-App die Durchgangszeiten der Läufer kontrollieren. Sie dürften den hinten an der Startnummer angebrachten Chip von MyLaps erfassen können. Es scheint, dass man besonders Nichtjapaner genauer kontrolliert. Wie dem auch sei, meine Gehzeit kann ich mit GPS nachweisen.

Ein Blick auf den wegen des Hochwassers noch breiter wirkenden Yodagawa River lohnt sich. Jetzt um die Mittagszeit kommt das Panorama des Flusses besser zur Geltung.

Mit dem Wind im Rücken geht/läuft es sich etwas leichter, ich überhole nun Dutzende, darunter auch die Pacerin, die ihr Tempo auf ihren beiden Begleiter eingestellt hat.
Die 2. Runde beginnt 50 m hinter dem Startbereich nahe am Fluss. Eine spezielle Anzeige sehe ich nicht, auch keine Versorgungsstation nimmt auf die Halbmarathonmarke Bedacht. Es ist wärmer geworden, noch gestern herrschte Dauerregen. Jetzt behagt mir die Mittagssonne nicht. Verkehrte Welt, aber so empfindet man halt. An den Trail auf tiefem Boden habe ich mich gewönnt.

Schon die ganze Zeit wundere ich mich über ein Klacksen und drehe mich um, um zu sehen, wer hinter mir nachkommt. Niemand, eigenartig, woher kommt dieses Geräusch? Es dauert, bis ich draufkomme, meine linke Schuhsohle hat sich am Absatz gelöst. Jetzt, wo ich weiß, woher das Geräusch kommt, beginnt es mich zu stören.
Die Laufstrecke ist alles andere als einladend, der in den vergangenen Tagen durch den Dauerregen aufgeweichte Untergrund sorgt für Dreck auf den Laufschuhen und auch auf den Füßen.

Nach der 22 km-Anzeige kommen in Scharen Läufer auf uns aus der Gegenrichtung zu, die unter 3:30 h finishen werden. Ich setze mich auf einen Betonsockel und checke den Schuh. Vielleicht kann ich ein Stück der Sohle abreißen. Da geht nicht, dazu bräuchte ich ein Messer oder eine Schere. Entlang des Kurses wird eifrig American Football trainiert, viele Zuschauer sitzen beim Picknick, doch niemand kann mir kurzfristig ein Messer borgen. Das Klacks-Klacks-Geräusch werde ich nimmer los, und die sich auf und ab bewegende Absatzsohle schleudert andauernd den Dreck vom Boden in den hinteren Bereich der Socken.

An den Seitenarmen des Yodagawa wird gefischt, eine wirklich idyllische Bilderbuchlandschaft heute bei herrlichem Herbstwetter. Meine Uhr zeigt bei 25 km 4:13:38 h an. Für verbleibende 17 km habe ich fast nochmals so viel Zeit. Wahrlich ein netter Zug des Veranstalters, doch nicht für mich eingeführt, sondern um möglichst vielen Einheimischen die erfolgreiche Teilnahme an einem lokalen Marathon zu ermöglichen. Am gleichen Tag wird in Toyama ebenfalls ein Marathon veranstaltet, Kriterium ist eine mehrere Kilometer lange und ca. 60 m hohe Brücke, die bei Wind gesperrt wird. Dann müsste der Lauf umdirigiert werden. Das war mir wegen der strikten 7 Stunden Zeitvorgabe auch etwas zu riskant, so fiel die Wahl doch wieder auf den Lauf in Osaka.

Eine junge Schildkröte bewegt sich mitten auf der Straße. Hinter mir Nachkommende könnten sie zertreten, daher bücke ich mich und setze sie ins Gras 10 m vom Kurs entfernt. Das mache ich auch Zuhause in Wien beim Radfahren auf der Donauinsel so, nach einem Regen werden viele Schnecken überfahren, bei Trockenheit sind es Raupen, die den warmen Asphalt aufsuchen. Der Mensch ist für den milliardenfachen Tod von Insekten etwa durch den Autoverkehr verantwortlich. Es fehlt hier einfach das Umweltbewusstsein, stattdessen ist eine allgemeine Verrohung und Gleichgültigkeit zu erkennen.

Nun geht es auf die ansonsten gesperrte Yodogawa-Wehr hinauf, eine 1 ½ km lange Brücke auf die andere Seite des Flusses. 26 km sind erreicht, die Garmin zeigt 4:25:07h an. Nach dem Brückenabstieg bei Kilometer 27 frage ich nochmals Menschen an der Straßenseite, die beim Picknicken sind, ob man mir ein Messer borgen könne. Die Japaner essen mit Stäbchen und den Fingern. Messer brauchen sie offenbar nicht.

Die Strecke zieht sich nun auch für mich (in der Wahrnehmung der Anstrengung). In Gedanken bin ich schon bei Kilometer 35, doch bis dahin wird es noch dauern.
Wo sind die Zeiten geblieben, als ich die 30 Kilometer in 3 bis 3:15 h schaffte? Jetzt zeigt die Uhr 5:10:59 h an.

An der Seite des Marathonkurses wird eifrig American Football trainiert, vielleicht werden auch Meisterschaftsspiele bzw. Turniere trotz des tiefen Bodens an einem Sonntag ausgetragen?

Die Wende erfolgt bei Kilometer 31,5. Die Cut-Off-time ist mit dem Zeitraum 12 bis 15 Uhr angegeben. Mit 5:20:12 liege deutlich über der Zeit, der Kontrollposten biete sich an, mich zu knipsen – wohl, weil ich ihn fotografiert habe.

Unter einer Brücke setze ich mich hin, um Sand und kleine Steinchen aus meinen Socken zu entfernen. Auf meinem 4. Zehen vorne rechts außen hat sich eine weintraubengroße Reibblase gebildet. Wenn die sich öffnet, habe ich eine schlecht verheilende Wunde, denn am 7. Nov. will ich an einem Marathon des 100 Marathon Club Japan in Tokio teilnehmen.
Ich lege ein Stück vom Papiertaschentuch auf die Reibblase, um sie vom Druck durch den Schuh zu entlasten. Mit nassen Socken in nassen Schuhen bekommt man leicht eine Scheuerwunde, die sich dann mit Blut füllt. Aber ich bin Schmerzen gewohnt, schon meine Knie sind für eine Marathonbelastung längst nicht mehr geeignet, sagt mein Orthopäde, dem ich aber nicht mehr erzähle, was ich mir sportlich noch alles zumute.
Es gelingt mir mit flotten Gehen einige Dutzend auch aus vorderen Gruppen ein- und zu überholen. Besonders ein Duell mit einer jungen Frau sei erwähnt, die alles tut, um nach vorne zu kommen – sie läuft 100 m, dann hole ich sie wieder ein, irgendwann fällt sie ganz zurück.
Knapp vor der Brücke ist die 35 km Anzeige, auf die ich schon in Gedanken bei Kilometer 28 reflektierte. Ich schaue gar nicht mehr auf meine Uhr, weil ich ausrechnen kann, dass ich für die verbleibenden 7 km ca. 1:10 h benötigen werde. Die Reibblase und die abgelöste Schuhsohle behindern mich etwas, obwohl ich durch das unbekannte Gel neue Kraftreserven verspüre. Ich hätte es sogar in der Hand, noch unter 7 Stunden zu finishen. So erhöhe ich das Gehtempo und hole serienweise langsamere Walker ein, die wahrscheinlich auch nur finishen wollen und das vom Veranstalter großzügige Zeitlimit ausnutzen.

Die sich auf und ab bewegende Sohle am linken Schuhabsatz könnte noch ein Problem werden, ob es in Japan 48er-Laufschuhe im Handel gibt? Vielleicht kann ich sie notdürftig picken (lassen)?

Die 37 Km-Marke befindet sich am Rückweg auf der Brücke mit herrlichem Panorama auf den Fluss hinunter. Dort ist auch ein Fotograf postiert, für den ich einige Laufschritte einlege, damit es sportlicher aussieht.

Bei Kilometer 38 ist die letzte Versorgungsstation aufgebaut – ich bin richtig durstig geworden. Es hat mehr als 20 Grad C. Ein Hobbyfischer zieht gerade einen großen Fisch aus dem Wasser, ich bleibe stehen und sehe zu, ein beeindruckender Fang.

Ich überhole weiterhin langsamere Walker. Nach Kilometer 41 führt der Kurs nochmals durch den nassen, aufgeweichten Boden. Auch andere nehmen einen Umweg und wechseln auf trockeneres Terrain etwas außerhalb der durch Bänder gekennzeichneten Trasse. Beim Zieleinlauf will mich einer, der hatscht, aus meiner Sicht völlig provokant und unnötig, überlaufen. Da kocht meine Ambition über, so locker wie in alten Zeiten, lasse ich ihn auf den letzten 10 m quasi „stehn“. Der Fotograf macht ein Abschiedsfoto, leider bekommen die Finisher statt einer Medaille „nur“ einen Schal zur Erinnerung. Egal, was für mich zählt, ist der Länderpunkt.

Bereits am Abend kann man auf der Website die Ergebnisse unter Eingabe seiner Startnummer abrufen. Wohl aus Datenschutzgründen wir kein Gesamtklassement ins Netz gestellt.
Mein Fazit
Herzlichen Dank und ein großes Lob an die Organisation, den 26. Yodo River Marathon trotz der widrigen Umstände erfolgreich durchgeführt zu haben. Die Laufstrecke mit geringem Gefälle (trotz Brücke) entlang des Flusses ist auch ein Naturschutzgebiet, das für die Menschen von großer Bedeutung ist und dessen Erhaltenswürdigkeit der Marathon unterstreichen soll. Mein 98. Länderpunkt ist geschafft, vielleicht geht sich der Hunderter noch heuer aus?

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