Ein Tag, der den Vienna City Marathon verändert
Der Vienna City Marathon hat schon viele Geschichten gesehen, doch dieser Sonntag liefert eine davon, die noch lange erzählt werden dürfte. Tigist Gezahagn läuft in Wien nicht nur allen davon, sie verschiebt auch die Grenzen dessen, was im Marathon möglich erscheint. Die 26 Jahre alte Athletin aus Äthiopien gewinnt das prestigeträchtige Rennen und verbessert dabei den Streckenrekord deutlich.
Am Ende steht eine Zeit von 2:20:06. Zuvor lag die Bestmarke bei 2:20:59. Gezahagn ist damit nicht nur Siegerin, sondern auch Rekordbrecherin beim Vienna City Marathon. Und als wäre das nicht genug, könnte sie die erste Paralympics Siegerin sein, die einen großen City Marathon gewinnt.
Zwischen Kontrolle und Chaos auf Wiens Straßen
Begleitet von Tempomachern findet sich Gezahagn lange in einer kontrollierten Rennphase wieder. Ihr Coach Getamesay Molla aus Addis Abeba und ihr Manager Tadesse Abraham, selbst ehemaliger Spitzenmarathonläufer aus der Schweiz, sehen ein taktisch kluges Rennen. Abraham lief in Wien bereits 2019 stark auf Rang zwei in 2:07:24 und weiß, wie schnell die Strecke sein kann.
Doch der Vienna City Marathon bleibt unberechenbar. Kurz vor Kilometer 30 wird es brenzlig. Gezahagn wird von einem Läufer hinter ihr leicht berührt und kommt ins Straucheln. Dazu kommen die bekannten Straßenbahnschienen, die in Wien für zusätzlichen Nervenkitzel sorgen. Abraham beschreibt die Szene später so: "Mein Herz ist mir in die Hose gerutscht, als sie kurz vor Kilometer 30 gestürzt wurde. Ich war sehr erleichtert, dass sie nicht gefallen ist."
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Trotz dieser Szene bleibt sie stabil und läuft kontrolliert Richtung Ziel. Der Sieg wirkt am Ende fast souverän, obwohl der Weg dorthin alles andere als ruhig war.
Vom Dorfkind zur internationalen Siegerin
Der Hintergrund von Tigist Gezahagn liest sich wie ein langer Gegenentwurf zum klassischen Sportlerweg. Aufgewachsen im Dorf Ilani Kersa in der Region Amhara wächst sie als eines von acht Kindern in einer Bauernfamilie auf. Sie ist die zweitälteste Tochter und die einzige, die später eine internationale Laufkarriere einschlägt.
Mit acht Jahren endet ihre Schulzeit früh, weil ihre Sehkraft stark eingeschränkt ist. Erste sportliche Schritte macht sie in der Schule, später folgen regionale Wettkämpfe. Eine klassische Lauftradition in der Familie gibt es nicht. Der Sport wirkt eher wie ein Zufallsfund, der sich später als Lebensweg entpuppt.
Zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr beginnt der Verlust ihrer Sehkraft. Mehrere medizinische Eingriffe folgen, unter anderem eine Operation im Jahr 2013. Danach verbessert sich ihr Zustand zeitweise, bevor er erneut schwankt. Bis heute sieht sie nur sehr nahe Objekte klar.
Gezahagn selbst beschreibt diese Phase so: "Nach einiger Zeit wurde es schlimmer und ich konnte kaum noch etwas sehen. Ich hatte eine Behandlung und eine Operation im Jahr 2013. Danach wurde es besser und ich konnte wieder laufen. Einige Jahre später verschlechterte sich mein Sehvermögen wieder und ich musste das Training stoppen. Mein linkes Auge war fast blind, aber es wurde etwas besser. Stabil ist es bis heute nicht."
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Vom Paralympics Gold zur Marathonbühne
Der sportliche Durchbruch kommt über den Para Sport. 2021 gewinnt sie in Tokio Paralympics Gold über 1500 Meter und wird zur ersten äthiopischen Paralympics Siegerin überhaupt. 2024 folgt der zweite Paralympics Titel über dieselbe Distanz.
Danach verändert sie ihren sportlichen Weg. Sie verlässt die Paralympics Bühne und schließt sich der Trainingsgruppe von Getamesay Molla an. Dort trainiert sie gemeinsam mit Läufern wie Anyalem Desta, die bereits den Amsterdam Marathon in 2:17:37 gewonnen hat.
Die Umstellung zahlt sich schneller aus als erwartet. Gezahagn sagt dazu: "Ich hätte nicht erwartet, nach dem Wechsel so erfolgreich zu sein. Durch das Training mit nicht behinderten Läufern konnte ich stärker werden."
Auch ihr Manager Tadesse Abraham sieht großes Potenzial: "Ich denke, Tigist kann etwa 2:17 laufen. Die Herausforderung ist jetzt, das richtige Rennen zu finden."
Ein Sieg mit Perspektive
Nach Erfolgen in Ljubljana im Oktober und Doha im Januar ist Wien der bisherige Höhepunkt ihrer Marathonkarriere. Der Vienna City Marathon passt dabei perfekt ins Bild, auch weil die Organisation gezielt auf ihre Bedürfnisse eingeht.
Gezahagn lebt inzwischen in Addis Abeba, trainiert dort weiter und plant die nächsten Schritte. Ihr Ziel bleibt klar: schneller werden und sich weiterentwickeln. Der Gedanke an 2:17 wirkt dabei längst nicht mehr unrealistisch.
Der Vienna City Marathon bekommt damit eine Siegerin, die sportlich beeindruckt und deren Geschichte weit über die Ziellinie hinausreicht. Und Wien darf sich fragen, ob dieser Tag nicht erst der Anfang einer noch schnelleren Reise war.
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