Ankunft in Villefranche-sur-Saône der Hauptstadt des Beaujolais, weltberühmtes Anbaugebiet des gleichnamigen Weins.
Coraline Bron vom Tourismusverband wartet schon am Bahnhof und verfrachtet mich gleich in die 1000 Einwohner Gemeinde Lacenas im Herzen des Weinanbaugebietes. Im Cuvage des Compagnons du Beaujolais, einer rustikal eingerichteten ehemaligen Weinproduktionshalle, wird ein Umtrunk mit lokalen Spezialitäten und Livemusik zur Feier der weltweiten Markteinführung des 2025er Beaujolais Nouveau zelebriert.
Organisiert wird die Fete vom Ordre des Compagnons du Beaujolais, einer Bruderschaft die den Beaujolais-Wein weltweit promotet und auch einige Ableger in Deutschland hat. Inmitten dieser archaischen Atmosphäre, umgeben von uralten hölzernen Traubenpressen, werde ich von den Organisatoren mit den Daten des 21. Beaujolais Marathons gefüttert: 33.000 Anmeldungen aus 98 Ländern, verteilt auf 9 Laufstrecken heben den Teilnehmerrekord aus dem Vorjahr (27.500) in neue Dimensionen. Auf dem Menüplan stehen 4500 x Marathon, 9700 x Halbmarathon, 9900 x 13 km-Lauf und 2000 x Familienlauf (2.5 km). Doch dieses Jahr wird der Event mit einem auf zwei Tage verlängerten Format erstmals zu einer XXL-Ausgabe. Denn am Folgetag stehen noch drei Trailrennen von 13-42 km durch die Weinberge und zwei Frauenläufe über 6 und 12 km mit insgesamt 7000 Teilnehmern auf dem Plan. In Verbindung mit dem alljährlichen Ritual des neuen Weines zelebrieren die lebenslustigen und feierwütigen Franzosen eine dreitägige Party, bei der die Laufereignisse -trotz einer Verdoppelung der Teilnehmerzahl seit 2017- fast schon zum Nebenschauplatz verkommen.

Jeden dritten Donnerstag im November wird der neue Wein, der Beaujolais Nouveau, angestochen. Dabei wird keine Sekunde verschenkt. Von Mittwoch auf Donnerstag, werden Punkt Mitternacht die ersten Flaschen des kühl servierten Jungweins entkorkt. Mit „Le Beaujolais nouveau est arrivé“ (Der Beaujolais Nouveau ist da!) feiern Weinliebhaber ein seit Jahrzehnten begangenes Ritual, das von unzähligen Veranstaltungen, Zeremonien, Verkostungen und Fassöffnungen geprägt ist. Eine ganze Region ist im Ausnahmezustand. Die Winzer, welche die vergangenen Monate komplett durchgearbeitet haben, machen einen großen Teil ihres Jahresumsatzes und pünktlich am Donnerstagmorgen steht der fruchtige Rebensaft in allen Supermarktregalen. In den kommenden 10 Tagen werden weltweit mehr als Zehnmillionen Flaschen Beaujolais Nouveau verkauft! Ein großer Teil natürlich in Frankreich, aber erhebliche Mengen gehen auch ins Ausland, mit Japan, den USA und Großbritannien als Hauptabnehmer. Die 2025er Produktion ist mit 375.000 Hektolitern zwar gering ausgefallen, verglichen mit rund 500.000 Hektolitern in den Vorjahren, aber dafür war der diesjährige Beaujolais Nouveau von außergewöhnlicher Qualität. Die Weinliebhaber dürfen sich auf ein fruchtiges, vollmundiges, sehr rundes, geschmeidiges und ausgewogenes Tröpfchen freuen. Der junge Wein ist jedoch nicht lange lagerfähig und sollte idealerweise bis Ostern getrunken werden. Der Anteil des Beaujolais Nouveau an der gesamten Beaujolais-Produktion ist rückläufig und liegt bei rund 20-25%, während früher ein Großteil auf den jungen Wein entfiel. Es wird zwar weniger Beaujolais verkauft, aber dafür war er noch nie so gut.

Es ist dennoch schade, dass das Gebiet –selbst bei den Franzosen- auf den Beaujolais Nouveau reduziert wird. Die Region hat so viel mehr zu bieten! Das nur 20 Minuten nördlich der Stadt Lyon gelegene Weinanbaugebiet Beaujolais ist im Süden eine der Toskana ähnliche Landschaft mit Dörfern aus ockerfarbenen Steinen. Weiter im Norden bietet die Region der Crus (Spitzengewächse) kleine Täler und einen außergewöhnlichen Blick über das Saone-Tal. Vom 484 Meter hohen Mont Brouilly, an dessen Hängen Spitzenweine angebaut werden, kann man an klaren Tagen den Mont Blanc sehen. Es gibt 150 Weingüter zu besichtigen und lauschige Dörfer, eingebettet in liebliche Hügellandschaften. In dem Gebiet haben sich ein halbes Dutzend Michelin-Sterneköche angesiedelt und neben der weltberühmten französischen Küche gibt es auch Topunterkünfte in allen Kategorien, bis hin zu dem 5-Sterne-Etablissement Chateau de Bagnols in einem 800 Jahre alten Schloss. Alles zu entdecken über die 140 km lange Weinstraße „La Route des Vins du Beaujolais“. Und natürlich finden das ganze Jahr über zahllose Weinfeste statt.
Wichtiger Hinweis: Dieses Buch macht dich zum besseren Läufer

So Freunde des genussvollen Laufens, es geht los zu einer dreitägigen Marathon- und Weinparty durch das Beaujolais:
Amuse Gueule
Zur Einstimmung, vor allem für die ausländischen Gäste, die oft etwas früher anreisen gehört ein Besuch in der La Maison des Beaujolais zum Pflichtprogramm. Beim „größten Beaujolais Nouveau Tasting im Universum“, das exklusiv nur während den 4-tägigen Feierlichkeiten stattfindet, wird der Wein nicht nur getrunken, sondern zelebriert. Bei edlen Speisen in gepflegter Atmosphäre am großen Kamin darf zum viergängigen Menü aus 150 Weinen gewählt und so viel gekostet werden wie beliebt. Diese stehen, sehr dekorativ präsentiert und bereits entkorkt, gleich in der Eingangshalle zur Begutachtung. Das Maison des Beaujolais ist ein legendärer Ort, der sich der Präsentation des Beaujolais-Weins und des kulinarischen Erbes widmet und verfügt mit mehr als 600 Weinreferenzen über die größte Liste an Beaujolais-Weinen der Welt! Alles im Restaurant und zum Verkauf erhältlich. Hier wird auch der größte Marathonfreak in kürzester Zeit zum Weinkenner...

Aperitif
Die „Fete de Vin“ beginnt am Freitagabend mit den Pasta-Partys, verteilt auf zwei Festsäle in den Ortschaften Villefranche-sur-Saône und Anse. Ein dreigängiges Menü auf Porzellan mit Beaujolais Nouveau in rauen Mengen, kredenzt in richtigen Weingläsern. Plastik scheint hier zum Glück ein Fremdwort zu sein. Der Discjockey schwingt die elektronische Peitsche und treibt die Marathonenthusiasten zum Warm Up. Die Tanzfläche bebt, die Tische wackeln und zwischendurch erhalten zwei Dutzend Mitglieder eines 100 Marathon Clubs mit frenetischem Applaus ihre Plattform. Vor Mitternacht kommt hier kaum einer raus!

Plat Principal (Hauptgericht)
Der Samstag ist ein Ultramarathon von 6 Uhr morgens bis weit nach Mitternacht, bestehend aus 4 verschiedenen Rennen, aufwendigem abendlichen Lichtspektakel vor dem Rathaus und Marathonnacht mit Galadinner. Start im Zentrum des lieblichen Weindorfes Fleurie, in das die Marathonläufer am frühen Morgen mit Shuttlebusen transportiert werden. Schon hier gibt es die erste Weinverkostung, zum „Warmtrinken“. Das ganze Dorf steht Kopf, es herrscht ausgelassene Partystimmung und die Masse der Läufer macht sich verkleidet und in Fantasiekostümen auf den Weg. Die eisige Kälte mit Temperaturen knapp über Null scheint niemanden zu stören. Auf der 42,2 km langen Strecke zurück nach Villefranche-sur-Saone laden 9 Weinschlösser und 15 Genussstationen, begleitet von Livemusik, zu diversen Degustationen ein. Alles nach dem Vorbild des Medoc-Marathon in Bordeaux, der Mutter aller Weinmarathons. Einige male werden sogar Weinkeller durchquert, wo die Verpflegungsstellen zwischen Stahltanks und Holzfässern, in denen die edlen Tröpfchen reifen, aufgebaut sind. In einem der Keller war der Discjockey inmitten seines elektronischen Spielzeugs dabei, die Läufer mit wummernden Bässen in den Rausch zu grooven. Zu Recht durfte hier die Frage gestellt werden „bin ich beim Marathon oder einem Hardrock-Konzert“…? Natürlich gibt es auch sportlergerecht Wasser, Mineralgetränke, Obst und Häppchen – quasi zur „Neutralisierung“ zwischen den Weinproben.

Während der Marathon eine relativ flache Punkt zu Punkt Strecke entlang der Weinberge ist, finden die zahlenmäßig größeren Rahmenwettbewerbe als Rundkurs mit Start und Ziel in Villefranche-sur-Saone statt. Analog zum Medoc-Marathon, wo an einem Verpflegungsstand Austern mit Weißwein serviert werden, gibt es kurz vor dem Ziel als besonderes lukullisches Highlight köstliche Filetsteaks vom Grill, noch blutig und in mundgerechte Häppchen zerteilt. Die Grillstation bildet das Zentrum einer Genussmeile bei Kilometer Vierzig, wo im Abstand von wenigen Metern gleich ein Dutzend Winzereien ihre edlen Stöffchen kredenzen. Hier verweilt man gerne etwas länger. Es scheint so, als hätte es niemand eilig, ins Ziel zu kommen.

Kaum ist das läuferische Programm abgearbeitet, übernimmt der Bürgermeister und eröffnet die Sound- und Lightshow vor dem Rathaus, gefolgt vom feierlichen Anstich eines Hundert Liter Fasses Beaujolais Nouveau auf den Treppen desselben. Dem Läufer bleibt kaum eine Verschnaufpause, denn es folgt das
Dessert
Die Marathonnacht mit Galadinner, Musikkapelle und noch mehr Wein verlängert diesen ereignisreichen Tag. Die Läufer Tanzen und Feiern, als gäbe es keinen Morgen. Le Savoir-Vivre – hier wird der genussvolle französische Lebensstil zelebriert. Wenn interessieren da noch die Sieger? Aber sie sollen nicht unerwähnt bleiben. Jérémy Mansuy aus Lyon siegt zum dritten mal hintereinander in 2:26:31 h, womit ihm der erste Hattrick in der Geschichte dieses Events gelingt. Bei den Damen hat Vorjahressiegerin Perrine Géraud mit dem einzigen Resultat unter 3 Stunden in 2:58:54 h die Nase vorn. Bei solchen Zeiten bleibt natürlich keine Muße für eine Weinprobe auf der Strecke. Dafür werden die Sieger traditionell in Wein aufgewogen. Auch wenn die Marathonnacht sehr lang wird, noch ist das Marathon- und Weinwochenende nicht vorbei!

Digestif
Die Premiere der Trailrennen mit 4400 Teilnehmern auf drei Distanzen wird trotz klirrender Kälte am frühen Sonntagmorgen ein voller Erfolg. Das Format bleibt gleich: viele Kostüme, allerlei Weinverkostungen, edle Chateaus und dunkle Weinkeller, Livemusik. Nur die Strecken sind anspruchsvoller und führen mit mehr Höhenmetern hautnah durch die Weinberge. Auch die beiden Frauenläufe bringen insgesamt 2600 Läuferinnen in Bewegung. Noch mehr Zahlen? Bitteschön: 1200 Helfer engagierten sich für den diesjährigen Event und 200.000 Euro konnten als Spenden für den Kampf gegen Krebs generiert werden, zu denen auch 600 verkaufte Charity-Nummern einen nicht unerheblichen Teil beitrugen.

Anschließend findet die Abschlussveranstaltung im Weinpark Hameau Duboeuf in der kleinen Gemeinde Romanèche-Thorins, 25 km nördlich von Villefranche-sur-Saone, statt. In dem 30.000 Quadratmeter großen Weindorf wird alles gezeigt, was in der Weinerzeugung eine Rolle spielt. Weingarten, Museum, Theater und Kino vermitteln auf spielerische und originelle Art die Geheimnisse der Weinberge, ihre Ursprünge, Anbauflächen und Bewirtschaftung. Im Festsaal ehrt Organisator und Zeremonienmeister Alain Bouhy unter den Klängen eines Orchestrions (mechanisches Musikinstrument, das den Zweck hat, ein ganzes Orchester zu imitieren) weit gereiste Marathongäste und verdiente Persönlichkeiten rund um das Event. Natürlich begleitet von Haute Cousine und edlen Weinen aus den umliegenden Spitzenlagen. Voila – der 21. Marathon International du Beaujolais ist Geschichte, es beginnt die Planung für die Nummer 22 am 21.11.2026.
Nach so vielen Feten, edlen Speisen, leckeren Weinen, Livemusik und Halligalli, dazwischen auch noch ein Marathon mit insgesamt 15 Degustationen, ist auch der Autor geschafft, und braucht erst mal einen Whisky, 8 Stunden Schlaf und mindestens einen Ruhetag…
Informationen
Der Beaujolais Nouveau ist der erste Wein, der schon im Jahr seiner Herstellung verkauft werden darf. Am 13. November 1951 erstritten sich die Winzer des Beaujolais eine Ausnahmegenehmigung vom französischen Weinrecht. Nach einigen Novellierungen wurde im Jahre 1985 der dritte Donnerstag im November als fixes Datum für den Verkaufsbeginn des Beaujolais Nouveau festgelegt. Aus dieser Form der Vermarktung entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Massenkult um den allerneuesten Wein der Saison.

Seit 2005 findet am Samstag nach dem Verkaufsbeginn der Marathon International du Beaujolais statt und ist seitdem fester Bestandteil der 5-tägigen Feierlichkeiten rund um den Beaujolais Nouveau. Dieses Jahr erstmals mit Trail- und Frauenlauf um einen weiteren Lauftag erweitert.
Informationen für den 22. Marathon International du Beaujolais am 21./22.11.2026: www.marathondubeaujolais.org
Auf der Homepage findet sich auch ein spezielles Meldeprogramm für ausländische Gäste.
Touristische Informationen: www.beaujolais-tourisme.com
Für Genießer und Connaisseurs ist ein Besuch in der Maison des Beaujolais unbedingt empfehlenswert: www.lamaisondesbeaujolais.fr

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