Man nehme die besten Läufer des Landes, eine perfekt präparierte Strecke und eine ordentliche Portion Ehrgeiz.
Was man definitiv weglassen sollte: Ein Führungsfahrzeug, das plötzlich beschließt, eine eigene Stadtrundfahrt zu machen. Genau dieses Szenario verwandelte die USATF Half Marathon Championships in Atlanta in ein sportliches Tollhaus, das man so schnell nicht vergessen wird.
Das Navigations-Desaster
Die Spitzengruppe beim Atlanta Half Marathon der Frauen ballerte mit ordentlich Tempo über den Asphalt, als das Unheil seinen Lauf nahm. Knapp nach der 12-Meilen-Marke (19 km) geschah das Unfassbare. Jess McClain, die zu diesem Zeitpunkt einsam an der Spitze ihre Kreise zog, musste plötzlich voll in die Eisen steigen. Ein krasser U-Turn mitten auf der Straße war die Folge, weil das offizielle Führungsfahrzeug schlichtweg falsch abgebogen war. Kurz darauf erreichten auch Emma Grace Hurley und Ednah Kurgat den Ort der Verwirrung und schauten dumm aus der Wäsche.
Die drei Top-Athletinnen, die das restliche Feld längst abgehängt hatten, folgten blind dem Wagen und büßten durch diesen Umweg etwa zwei Minuten ein. Während sie wertvolle Zeit auf dem falschen Asphalt ließen, zog die Konkurrenz auf der korrekten Route vorbei. McClain landete am Ende völlig bedient auf dem neunten Platz mit einer Zeit von 1:11:12. Hurley rettete sich als Zwölfte ins Ziel, gefolgt von Kurgat auf Rang 13. Besonders bitter: Damit war der Traum von der Qualifikation für die Weltmeisterschaften im September vorerst geplatzt.
Überraschungssiegerin ohne Durchblick
Durch das Chaos wurde das Podium komplett durchgewürfelt. Molly Born sicherte sich den Sieg in 1:09:42 und strich die Siegprämie von 20.000 Dollar ein. Dass sie gewonnen hatte, realisierte sie erst hinter der Ziellinie. Carrie Ellwood belegte den zweiten Platz, während Annie Rodenfels bei ihrem Debüt über die Halbmarathon-Distanz als Dritte das Treppchen komplettierte.
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Die Siegerin zeigte sich im Ziel herrlich ehrlich über die seltsame Situation: Ich bin über die Linie gelaufen und dachte, sie hätten das Zielband nur zum Spaß aufgespannt, weil ich nicht wusste, wo ich war. Ich dachte, ich wäre Vierte. Ich war so weit zurück, dass ich nicht gesehen habe, wie sie falsch abgebogen sind. Born bewies zudem echten Sportsgeist und gab zu Protokoll: Ich sollte nicht nach Kopenhagen zur WM fahren. Ich werde nicht um meinen Platz kämpfen.
Offizielle Erklärungen und ein Hauch von Déjà-vu
Natürlich ließen die Proteste nicht lange auf sich warten. Die USATF räumte zwar ein, dass die Strecke am Punkt der Fehlleitung mangelhaft markiert war, sah aber laut Regelbuch keine Möglichkeit, das Klassement nachträglich zu ändern. Rich Kenah, der Chef des Atlanta Track Club, gab sich reumütig: Ein Pace-Fahrzeug hat während der elften Meile die offizielle Strecke verlassen. Als Renndirektor übernehme ich die volle Verantwortung für das, was passiert ist. Athleten sollten niemals in die Situation kommen, in Bruchteilen von Sekunden zwischen dem Folgen eines Fahrzeugs oder dem Vertrauen auf die offizielle Strecke entscheiden zu müssen.
McClain, die ihren ersten nationalen Titel schon fast in der Tasche hatte, war nach dem Rennen am Boden zerstört: Es ist frustrierend, weil man um mehrere Dinge beraubt wird. Was dich durch die letzten zwei Meilen bringt, ist dieser Moment, in dem du die Ziellinie überquerst. Dieser Moment wurde ihr und ihren Kolleginnen durch einen simplen Fahrfehler geraubt.
Kurioserweise hat der wohl weniger seriös organisierte Atlanta Track Club ein gewisses Talent für solche Pannen. Bereits im Vorjahr war die Marathonstrecke dort um satte 169 Meter zu kurz, was damals etlichen Läufern die Qualifikation für Boston kostete. Bei den Männern lief diesmal glücklicherweise alles glatt. Wesley Kiptoo siegte souverän in 1:01:15 vor Hillary Bor und Ahmed Muhumed. Ob die Frauen-Ergebnisse nach der weiteren Prüfung im Mai doch noch angepasst werden, bleibt abzuwarten.
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