Innerhalb von 13 Monaten wurde der Marathon-Weltrekord der Frauen um mehrere Minuten verbessert. Das sorgt für wachsende Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Leistung.
Besonders der kürzlich von Ruth Chepngetich aufgestellte Weltrekord löst Kontroversen aus, selbst unter Profi-Sportlern und in Fachmagazinen.
Ein Weltrekord in Rekordzeit
Als Tigist Assefa beim Berlin Marathon 2023 den Weltrekord von 2:14:04 Stunden auf 2:11:53 Stunden senkte, staunte die Laufszene zunächst ungläubig. Nur ein Jahr später setzte Ruth Chepngetich einen neuen Meilenstein: 2:09:56 Stunden, bei übrigens perfekten Laufbedingungen. Diese beiden Läuferinnen haben somit den Rekord von Brigid Kosgei aus dem Jahr 2019 um mehr als vier Minuten verbessert – eine Ewigkeit im Leistungssport, insbesondere über diese Distanz.
Frauen holen auf: Eine historische Betrachtung
HDsports analysierte bereits nach dem Berlin Marathon die Glaubwürdigkeit von Assefas Rekord. Damals schien der Leistungssprung plausibel, da die Frauen im Vergleich zu den Männern einen großen Rückstand aufholten. Zwischen 2007 und 2018 wurden bei den Männern sechs Marathon-Weltrekorde aufgestellt, bei den Frauen hingegen keiner. Als Eliud Kipchoge 2018 den Männer-Weltrekord auf 2:01:39 Stunden setzte, betrug der Abstand zum Frauenrekord noch 13:46 Minuten. Heute liegt der Unterschied bei nur noch 9:21 Minuten. In den letzten sechs Jahren konnten die Frauen den Rückstand also um 4:25 Minuten reduzieren.
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Zum Vergleich: 2003 stellte Paula Radcliffe mit 2:15:25 Stunden einen Weltrekord auf, der 16 Jahre Bestand hatte. Zu dieser Zeit betrug der Unterschied zum damaligen Männer-Weltrekord von Paul Tergat nur 10:30 Minuten. Heute ist die Lücke also nur geringfügig kleiner als damals. Diese historische Perspektive lässt Assefas Rekord weiterhin glaubhaft erscheinen. Doch mit der jüngsten Verbesserung auf unter zehn Minuten kommen berechtigte Zweifel auf.
Die sprunghaften Verbesserungen – ungewöhnlich oder plausibel?
Der jüngste Leistungssprung von Chepngetich, die den Rekord um 1:57 Minuten verbesserte, ist auf den ersten Blick bemerkenswert. Allerdings gab es in der Vergangenheit ähnliche Leistungssprünge bei den Frauen. Paula Radcliffe verbesserte 2003 ihren eigenen Rekord um 1:53 Minuten. Assefa steigerte Kosgeis Zeit um 2:11 Minuten.
Obwohl es bei den Männern selten so drastische Verbesserungen gibt, lassen historische Vergleiche solche Sprünge plausibel erscheinen. Der letzte derart große Fortschritt bei den Männern wurde 1967 von Derek Clayton erzielt, als er die Weltbestzeit (offizielle Rekorde gab es damals noch nicht) um mehr als zwei Minuten verbesserte. Die Zeiten waren damals vergleichbar mit den heutigen Frauen-Zeiten, was durchaus ein Indiz ist, dass in diesem Tempobereich solch eine sprunghafte Steigerung nicht unrealistisch ist.
Vergleich der Geschlechter: Weltrekorde auf Unterdistanzen
Um die Leistung von Chepngetich besser einordnen zu können, vergleichen wir die Pace-Unterschiede zwischen den Weltrekorden der Männer und Frauen auf verschiedenen Distanzen:
| Distanz | Pace Mann | Pace Frau | Differenz |
|---|---|---|---|
| 100 km | 03:39 min/km | 03:56 min/km | 17 sek/km |
| Marathon | 02:51 min/km | 03:05 min/km | 14 sek/km |
| Halbmarathon | 02:44 min/km | 02:59 min/km | 15 sek/km |
| 10 km | 02:40 min/km | 02:55 min/km | 15 sek/km |
| 5 km | 02:34 min/km | 02:51 min/km | 17 sek/km |
Die Differenzen zeigen, dass Chepngetichs Marathonzeit mit einer Pace von 3:05 Minuten pro Kilometer nur 14 Sekunden langsamer ist als der Männer-Weltrekord. Auf den kürzeren Distanzen (Halbmarathon und 10 km) beträgt die Differenz 15 Sekunden pro Kilometer. Über die 5 km und die 100 km sind es 17 Sekunden.
Auch dieser Vergleich bestätigt, dass Chepngetichs Weltrekord zwar überdurchschnittlich stark, aber plausibel ist. Zumal Frauen vor allem beim Marathon einen entscheidenden Vorteil gegenüber Männern haben. Denn Chepngetich hatte bei ihrem Rekordlauf zwei Tempomacher, die perfekt auf sie abgestimmt waren. Ihr zweiter Tempomacher begleitetet sie bis wenige Meter vor dem Ziel. Kiptum lief bei seinem Weltrekord einen großen Teil des Rennens alleine.
Warum gibt es trotzdem Zweifel?
Betrachten wir also die Leistung von Ruth Chepngetich rein zahlen-basiert, gibt es am Rekord nichts anzuzweifeln, auch wenn Chepngetich mit ihrer Halbmarathon-Durchgangszeit von 1:04:16 Stunden sogar unter den Top 5 Halbmarathonläuferinnen All-Time wäre und nur 14 Sekunden über ihren nationalen Halbmarathon-Rekord blieb. Bis vor drei Jahren hätte diese Durchgangszeit sogar zu einem Halbmarathon-Weltrekord gereicht. Wäre sie diese Pace bis zum Ende durchgelaufen, hätte das eine Endzeit im Bereich des Marathon-Olympia-Limits für die Männer ergeben.
Der irische Athlet Stephen Kerr äußerte via Twitter seine Bedenken und erklärte, dass dieser Rekord "den Tod der Leichtathletik als Sportart" bedeute. Seine Zweifel stützen sich nicht nur auf den drastischen Leistungssprung, sondern auch auf die Doping-Vergangenheit Kenias. Zumal waren viele Beobachter überrascht, wie locker Chepngetich auch nach dem Rennen war. Man hatte den Eindruck, als könne sie die Pace noch einige Kilometer weiter laufen.
Aber zurück zur Doping-Problematik.
Denn seit 2015 wurden 270 Athleten aus Kenia von der Athletics Integrity Unit (AIU) disqualifiziert. So etwa Rhonex Kipruto, der 2020 über die zehn Kilometer mit 26:24 Minuten einen Weltrekord aufstellte. Diese Leistung wurde aber nach positiven Dopingtests annulliert. Oder etwa Lawrence Cherono, der bei den Olympischen Spielen 2021 in Japan Vierter über die Marathondistanz wurde. Auch Titus Ekiru ist mittlerweile gesperrt. Er knackte im Jahr 2021 als sechster Läufer die 2:03er Marke über die Marathondistanz. Zuletzt traf es die Läuferin Emmaculate Anyango Achol, die binnen zwei Jahren ihre 10-Kilometer-Bestzeit um fast fünf Minuten drückte und sich so mit einer Zeit von 28:57 Minuten auf Platz 2 in der ewigen Bestenliste vorarbeitete.
Ruth Chpengetich hat sich in ihrer Karriere allerdings bisher nichts zu Schulden kommen lassen. Doch neben Kenias Doping-Skandale hat ihre Leistung einen weiteren Beigeschmack. Sie hat war keinen offiziellen Trainer, allerdings wird die 30-Jährige von Federico Rosa (Agentur Rosa Associati) gemanagt. Und der betreute u.a. mit Rita Jeptoo und Jemima Sumgong weitere Marathon-Läuferinnen mit Doping-Vergangenheit. Sumgong wurde 2016 Marathon-Olympiasiegerin ehe sie ein Jahr später zum zweiten Mal des Dopings überführt wurde. Jeptoo wurde 2014 überführt, nachdem sie im selbigen Jahr die Marathons in Chicago und Boston gewann. Auch die bereits oben erwähnten Titus Ekiru und Lawrence Cherono sind Teil der Associati (gewesen). Allerdings muss man dabei festhalten, dass dies nicht bedeutet, dass diese Sportler gemeinsam trainieren oder betreut werden. Demnach können auch hier Chepngetich keine großen Vorwürfe gemacht werden. Zumal die Läuferin aus Kenia nicht nur von World Athletics regelmäßig getestet wird, sondern auch von den World Marathon Majors. Das heißt, Chepngetich wird in der Regel sogar öfter kontrolliert als viele andere Spitzenläufer.
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Abschließend bleibt festzuhalten, dass die sprunghaften Leistungsverbesserungen im Marathon der Frauen zwar statistisch nachvollziehbar sind, aber dennoch Fragen aufwerfen. Vor allem die Dopingvergangenheit in Kenia belastet den Sport und trägt zu den Zweifeln bei. Letztendlich bleibt es Aufgabe der Anti-Doping-Behörden, durch strengere Kontrollen die Integrität des Sports zu schützen und die Glaubwürdigkeit solcher Rekorde sicherzustellen.
Splitzeiten von Ruth Chepngetich beim Marathon-Weltrekord
| Distanz | Zeit |
|---|---|
| 5 km | 15:00 |
| 10 km | 30:14 |
| 15 km | 45:32 |
| 20 km | 1:00:51 |
| HM | 1:04:16 |
| 25 km | 1:16:17 |
| 30 km | 1:31:49 |
| 35 km | 1:47:32 |
| 40 km | 2:03:11 |
| M | 2:09:56 |
Foto: © Clark Adams, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

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