Wenige Tage vor Beginn der Saison in Zegama trafen wir Rémi Bonnet, den Sieger der Golden Trail World Series 2022, um mit ihm über seine Ziele für 2023 zu sprechen.

Eines steht fest: Er gehört zu den Titelfavoriten!

Das Interview wurde von Golden Trail Series geführt:https://vg04.met.vgwort.de/na/86b33ca32cb4486296ea0bab28aa482f

Wie lief das Jahr 2022 für dich?

Letztes Jahr ist ein Traum für mich wahr geworden! Ich hatte zwei super Saisons, Winter wie Sommer – obwohl die Sommersaison nicht so anfing, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es freut mich sehr, dass die harte Arbeit der letzten Jahre sich letztlich ausgezahlt hat.

Wie hast du dich zu Beginn der letzten Saison gefühlt?   

Ich hatte gerade eine große Skisaison hinter mir, mit dem krönenden Abschluss bei der Patrouille des Glaciers. Ich hatte kaum Zeit, mich zu erholen, bevor die Traillaufsaison wieder losging. Ich wusste, dass das kein Zuckerschlecken werden würde, und in Zegama hat sich meine Befürchtung bewahrheitet. Es war kein schlechtes Rennen, aber ich habe nicht so gut ab wie erhofft abgeschnitten. Danach setzte ich alles auf Sierre-Zinal, und dieser Wettkampf lief katastrophal. Ich hatte wirklich das Gefühl gehabt, 2022 gute Chancen auf den Sieg zu haben und es wäre so toll gewesen, den Doppelsieg aus Patrouille des Glaciers und Sierre-Zinal einzufahren. Für mich als Schweizer ist es natürlich der goldene Gral, diese beiden prestigeträchtigen Rennen in einem Jahr zu gewinnen. Aber immerhin hat mich das angespornt, mich noch mehr ins Zeug zu legen!

Warst du zufrieden mit deinem Ergebnis in Zegama?

Ich hatte mit einem besseren Ergebnis gerechnet, obwohl ich wusste, dass sich die Vorbereitung kompliziert gestalten würde. Trotz allem trete ich bei jedem Rennen mit dem Ziel zu gewinnen an, insofern bin ich immer enttäuscht, wenn ich es nicht aufs Treppchen schaffe. Aber so läuft es eben im Sport. Man darf nie glauben, dass eine schwächere Phase bedeutet, dass es später nicht wieder bergauf gehen kann.

Was ist beim Mont Blanc passiert? 

Das war eine weitere Enttäuschung, weil ich aufgrund von Magenproblemen ausscheiden musste. Aber auch das gehört zum Leben als Sportler dazu. Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen und dann weitermachen. Aber das war echt komisch, mir ist das davor noch nie passiert. Ich glaube, das war eine einmalige Sache, denn am Tag vor und nach dem Rennen ging‘s mir super. Vielleicht lag es am Stress nach meiner schlechten Leistung in Zegama?

In Zinal lief es dann auch nicht so gut wie erwartet...

Wir haben wirklich alles gegeben, um tipptopp in Form zu sein, haben den Trainingsplan genau befolgt, von daher war das definitiv die größte Enttäuschung der Saison, weil ich nicht geschafft habe, was ich mit vorgenommen hatte, obwohl ich mich gut vorbereitet und imstande gefühlt hatte. Das war echt bitter. Sowas kann aber auch hilfreich sein, das kann einen wachrütteln. Ich wusste, dass das ganze Training sich in den USA auszahlen würde. Dort standen zwei ziemlich schnelle Rennen an und um da hohe Geschwindigkeiten zu erzielen, braucht man Energie in den Beinen. Ich hab mir gesagt, dass ich nach vorne schauen muss und ich mir den Sieg in Sierre-Zinal ein Andermal holen werde. Ich hoffe auf dieses Jahr. Es ist mein Traum, am Wettkampftag bereit zu sein und wirklich abzuliefern.

Als nächstes kam ein Rennen in den USA, das wie für dich gemacht war: Der Pikes Peak, eine Strecke, bei der es nur bergauf geht, und das auch noch in beachtlicher Höhenlage. Wenige Tage vor dem Wettkampf hast du den Incline-Rekord gebrochen und bewiesen, dass du in Topform bist. Hattest du Zweifel, ob du diesmal gewinnen würdest? 

Ich hatte die ganze Zeit einen leisen Zweifel, weil meine Saison so schlecht angefangen hatte. Ich hab aber versucht, mir gut zuzureden, dass dieses Rennen wirklich wie für mich geschaffen war und ich einfach nur tun musste, was ich am besten kann: schnell bergauf rennen. Dass ich den VK-Rekord in Fully kurz vor Abreise gebrochen habe und obendrein noch den Incline-Rekord, hat mir gezeigt: Ich bin bereit für den Sieg. Normalerweise kann mich nichts mehr aufhalten, wenn ich an mich selbst glaube, und das war der Schubs, den ich für die Saison gebraucht habe.

Du hattest ja seit 2018 nicht mehr gewonnen. Was hat der Sieg dir vor diesem Hintergrund bedeutet?

Es war höchste Zeit, zu gewinnen, weil so langsam geredet wurde – von wegen früher hat er oft gewonnen, aber in den letzten Jahren nicht mehr so oft, der lässt nach. Ich wollte allen das Gegenteil beweisen und zeigen, dass meine Leistung in der Vergangenheit erst der Anfang war und ich jetzt erst so richtig loslege.

 

War der Auslöser dafür, dass du Kilians Rekord beim Fully VK geknackt hast?

Ich denke schon, dass das mit reingespielt hat. Wenn man so etwas schafft, dann tut das mental unglaublich gut. Leistung bringen nicht nur die Beine – 50 % passieren im Kopf.

Seit dem Zeitpunkt hast du, abgesehen vom Rennen auf Zeit in Madeira, alle Wettkämpfe der Golden Trail Series für dich entschieden, noch dazu mit riesengroßem Vorsprung vor den besten Trailläufern der Welt. Wie erklärst du dir diesen Höhenflug?

Das hat mich an 2015 erinnert, als ich bei allen Wettkämpfen direkt nach dem Startschuss Gas gegeben habe und schnell einen Vorsprung zum Rest der Gruppe aufgebaut habe. In den Jahren danach bin ich dieses Risiko aber nicht mehr eingegangen. Ich hielt mich zurück, in der Annahme, dass die anderen immer stärker als ich wären. Aber am Ende der letzten Saison bin ich dann gerannt wie 2015:  Ich hab nicht darauf geachtet, was die anderen tun. Ich bin direkt mit Vollgas gestartet. Ich denke, ab jetzt sollte ich immer so laufen! Ich bin diesen Winter dieselbe Strategie gefahren und das hat Eins a geklappt.

Man bekommt den Eindruck, du seist unschlagbar! Siehst du das auch so?

Ich habe heute viel mehr Selbstvertrauen zu Beginn eines Rennens als früher. Das klingt vielleicht arrogant, aber ich fühle mich schon vor dem Startschuss beinahe so, als hätte ich gewonnen, und ich glaube, das ist eine echte Stärke, selbst wenn einem bewusst ist, dass auf der Strecke noch alles passieren kann und kein Rennen im Voraus entschieden ist. Aber wenn man seinem Kopf und seinem Körper voll und ganz vertraut, kann man Berge versetzen.

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In Madeira hast du gesagt, dass du Kilian Jornet auf jeden Fall bei einem Rennen schlagen könntest, das euch beiden liegt. Stehst du dazu nach wie vor? Denkst du immer noch, dass du es mit Kilian aufnehmen kannst?

Das wird sich diesen Sommer in Sierre-Zinal zeigen, aber ich denke, dass ich ihn dieses Jahr dank meiner Motivation schlagen kann. Außerdem wird das vermutlich eine der letzten Gelegenheiten sein, ihn herauszufordern. Ich träume seit langem davon, gegen ihn anzutreten.  Ihn zu schlagen, und sei es nur ein Mal, wäre eine meiner größten Errungenschaften.

Du hast deine Freundin Lise vor etwas mehr als zwei Jahren kennengelernt. Spielt sie eine wichtige Rolle für deine Ausgeglichenheit und dein Stressmanagement?

Vor meiner Beziehung mit Lise hatte ich immer das Gefühl, nie mein volles Potenzial auszuschöpfen. Sie hat mir wirklich dabei geholfen zu verstehen, dass es nur Wettkämpfe sind und dass das Leben noch mehr zu bieten hat. Dank ihr habe ich es geschafft, das Ganze zu relativieren und wieder zu mir selbst zu finden. Sie hat mich darauf gestoßen, dass ich mit dem Sport für mich angefangen habe, aber ihn dann plötzlich für andere getrieben habe, für Sponsoren, und nicht mehr für mich selbst. Sie hat mir geholfen, den Spaß am Rennen neu zu entdecken und für meine eigenen Träume zu trainieren.

Befolgst du beim Training einen wissenschaftlichen Ansatz und hältst dich an individuell entworfene Trainingspläne oder bist du eher der natürliche Typ, der versucht, auf seinen Körper zu hören? 

Ich versuche, auf meinen Körper zu hören, auch wenn ich seit zwei Jahren einen neuen Coach habe, Simon Gosselin, dessen Unterstützung sich ganz bestimmt auf meine Ergebnisse ausgewirkt hat. Simon respektiert mich als Athleten und lässt mir freien Lauf, gibt mir aber auch Struktur, wenn er merkt, dass ich ein bisschen vom Weg abkomme. Ich denke, wir haben eine gute Balance zwischen intensivem Training und Vergnügen gefunden.

Welche Pläne hast du für 2023?

Mein größtes Ziel bei der Golden Trail Series ist, Sierre-Zinal zu gewinnen. Das ist mehr oder weniger das letzte Rennen, das mir bei diesen Wettkampfformaten noch fehlt, und deshalb ist das mein Hauptziel für diesen Sommer.

Gibt es einen Konkurrenten, den du fürchtest? Jemand, dem du gerne die Stirn bieten möchtest?

Letztes Jahr haben mehrere Athleten unter Beweis gestellt, wie stark sie sind. Es gibt einen, gegen den ich noch nicht angetreten bin, außer beim Marathon du Mont Blanc, wo ich ja aufhören musste, und das ist Jonathon Albon. Er ist bei diesen Distanzen einer der Besten. Neben ihm gibt es noch andere, wie Stian Angermund, der seit einer Weile nicht bei der Golden dabei war, aber wieder mitmischen wird. Und natürlich ist Kilian beim Sierre-Zinal derjenige, mit dem ich es vor allem aufnehmen möchte. Aber Angst macht mir keiner von denen! Man darf seine Gegner nicht fürchten. Man muss sie als diejenigen sehen, die einen bis an die eigenen Grenzen und darüber hinaus treiben, und darin liegt der ganzen Zauber des Sports.

Fühlst du dich so stark wie 2022?

Ich fühle mich noch stärker als 2022! Meine Wintersaison hat mir gezeigt, dass ich mich sogar noch weiter verbessert habe.

Wie hat der Sieg bei der GTS dich verändert?

Psychologisch betrachtet hat mir das eine Last genommen, weil das seit vier Jahren mein Ziel war. Jetzt, da ich es erreicht habe, ist der Druck weg. Nun wissen alle, dass ich gewinnen kann, und jetzt versuche ich einfach, es nochmal zu schaffen!

Welche Traillauf-Träume hast du noch?

Ich möchte die Golden Trail World Series nochmal gewinnen, um mir selbst zu beweisen, dass mein Sieg nicht nur ein Glückstreffer war. Ich möchte aber auch einzelne Rennen gewinnen, wie Zegama, und natürlich auch endlich Sierre-Zinal. Ich habe auch noch andere, persönlichere Projekte, aber ich denke, ich bleibe erstmal an diesen Rennen dran, weil es immer noch viel zu tun gibt.

Was denkst du über die Serie allgemein, wie fördert sie den Traillauf als Sport? Und wie stehst du zur Übertragung der Rennen auf Eurosport?

Ich denke, es ist ein riesengroßer Fortschritt für die Golden und den Sport insgesamt. Dass Traillauf jetzt im Fernsehen kommt, verleiht uns Glaubwürdigkeit; auch uns Athleten, wenn wir beispielsweise mit Sponsoren sprechen. Für alle, die an der Serie teilnehmen, ist das das Sahnehäubchen. Die Golden Trail Series ist großartig. Das Wissen, dass man gegen die besten Athleten der Welt antritt und einer von ihnen ist, verschafft einem tiefe Zufriedenheit.

Foto © Golden Trail Series, Mickael Mussard

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