Die erste Hälfte des Marathons auf einer hügeligen Strecke
Ich stelle mich ins mittlere Drittel des Starterfeldes, es herrscht allgemeine Vorfreude.

Hier und da sehe ich ausländische Teilnehmer, Janos Kiss fragt mich, wie es mir geht – „If I have an Achilles’ heel, it’s both my knees”, antwortet ich.

Innerhalb kürzester Zeit werde ich von fast allen Läufern überholt. Wegen der Dunkelheit ist die Sicht auf der gesperrten, aber völlig unbeleuchteten Straße A119 auf weniger als hundert Meter begrenzt. Gelegentlich fährt lediglich ein Einsatzfahrzeug von hinten kommend zur Linken an uns vorbei. Ich schließe mich einer kleinen Gruppe an, und wir versuchen, mit einem zügigeren Gehtempo von etwa 9:30 min/km voranzukommen. Tatsächlich gelingt es uns, einige Starter hinter uns zu lassen, die wir mit fortdauernder Strecke allmählich aus den Augen verlieren.

Erst nach einer Stunde wird es allmählich hell. Alle Läufer sind angehalten, sich rechts zu halten, da in Uganda Linksverkehr herrscht. Immer wieder kommen Motorräder auf dem linken Fahrstreifen nach. Auch einfache Fahrräder und – mit Höllentempo und viel zu schnell – brausen Einsatzfahrzeuge heran. Auf der rechten Seite müssen wir zudem mit Gegenverkehr rechnen. Zwar ist die Straße offiziell gesperrt, doch immer wieder drängen sich Motorräder so nah an uns vorbei, dass wir gezwungen sind, in die grüne Böschung auszuweichen.

Viele Fußgänger sind bereits in der frühen Morgenstunde geschäftstüchtig auf beiden Seien der Straße unterwegs. Sie legen oft weite Strecken zurück und nehmen kaum Notiz vom Marathon – doch alle grüßen ausgesprochen freundlich.

Dann tauchen die ersten Versorgungsstellen auf, die erfreulicherweise großzügig verteilt sind. Bereits am Start und nun alle drei bis fünf Kilometer werden Rwenzori-Wasser in 0,5-Liter-Flaschen mit zusätzlichen Pappbechern und gelegentlich auch Coca-Cola angeboten. Bei erwarteten Tageshöchstwerten von 27 bis 30 °C besteht durchaus Dehydrierungsgefahr, wer zu wenig trinkt.

Immer wieder laufen uns kleine Kinder entgegen oder warten am Straßenrand, deren bittere Armut sich in ihrer Kleidung zeigt. Manche haben nicht einmal Schlapfen und gehen barfuß. In solchen Momenten möchte man am liebsten alles verschenken, was man zu Hause im Überfluss besitzt. Doch ausgerechnet bei einem Marathon in der Dritten Welt hat man kaum Geld bei sich. Ich nehme mir vor, mit meinem Begleiter, Daggan, dem Rechtsanwalt, diesbezüglich zu reden. Vielleicht kann er von Kampala aus etwas unternehmen – ich würde ihn unterstützen.

Zu unserer Rechten befindet sich alle paar hundert Meter eine Kilometeranzeige – allerdings wird die Strecke von oben nach unten gezählt. An diesen umgekehrten Countdown muss man sich erst gewöhnen. Einige Läufer behaupten sogar, diese Zählweise ließe das Rennen mental schneller vergehen, da man sich der Ziellinie scheinbar rascher annähert.

Wegen der kontinuierlichen Anstiege gelingt es mir zwar nicht, selbst über kurze Distanzen ein Tempo unter 9:30 min/km zu halten, dennoch werde ich die ersten zehn Kilometer gemeinsam mit einigen anderen Läufern in etwa 1:40 Stunden schaffen können. Allein daraus zu schließen, ich könne mich wieder der Sechs-Stunden-Marke nähern, wäre jedoch vermessen.
Diese Einschätzung teilt auch Daggan (Startnummer 456), ein Anwalt aus Kampala. Er hat Jus in Leiden, Holland, studiert, arbeitet nun wieder in Uganda und kennt sogar Wien. Auch er sieht den anspruchsvollen Streckenverlauf realistisch und teilt meine Zweifel an einer schnellen Gesamtzeit. Mir gefällt sein buntes Shirt mit der Aufschrift „Uganda Running Club“ auf. Ich habe es vor 2 Tagen bei der Startnummernausgabe hängen sehen, aber dann einfach übersehen und hätte es vielleicht dort kaufen können.

Nach dem neunten Kilometerpunkt erwartet uns eine größere Zuschauergruppe. In ihrer Mitte steht der sogenannte Tracker namens Wekesa, der angeblich zu den Initiatoren des Rwenzori Marathons zählt. Ausgerüstet mit einer langen Stabantenne, nimmt er über den Chip auf unserer Startnummer ein Signal auf. Dieses bestätigt unsere Identität, gleicht sie mit der Startliste ab und speichert unsere Zwischenzeit. Da sich die Startnummer manchmal verschoben hat oder auf der anderen Körperseite befestigt ist, fragt er zusätzlich jeden von uns in der Gruppe nach der Nummer, um ganz sicherzugehen.
Dank der anregenden Unterhaltung mit meinen Mitstreitern scheint die Zeit wie im Flug zu vergehen, doch leider wird die Laufstrecke dadurch nicht kürzer. Links und rechts der Durchzugsstraße erstreckt sich eine abwechslungsreiche Landschaft: weite Savanne, fruchtbare Felder, Viehweiden und kleine, im Grün versteckte Siedlungen. Diese Idylle trügt jedoch, denn trotz der latenten Gefahr durch wilde Tiere wurde durch Brandrodung immer mehr Weideland der Natur abgerungen.

Die kleinen Siedlungen mit ihren einfachsten Behausungen sind namenlos – keine Ortstafeln verraten, wo man sich genau befindet. Nur die Kilometeranzeigen geben zuverlässig Auskunft über die zurückgelegte Strecke. Plötzlich winkt mir eine Gruppe lächelnd zu und fordert mich auf, zu ihrer Tanzgruppe zu kommen. Von Trommeln begleitet, tanzen sie mitreißend. Ich geselle mich dazu, auch wenn mein Tanz weder anmutig noch rhythmisch ist – mit 71 Jahren fehlt es mir einfach an Beweglichkeit und tänzerischer Eleganz. Daggan hält diese besondere Begegnung mit seinem Smartphone fest.

Einige Minuten haben wir zwar durch diese schöne Abwechslung verloren, doch dafür nähern wir uns nun Kilometer 18 in bester Stimmung. Daggan selbst hat es nicht eilig; er rechnet fest damit, seine Zeit vom Vorjahr von 6:45 Stunden auch in diesem Jahr wieder zu erreichen oder sogar zu unterbieten.

Aber jetzt wird es doch ernst: ein Polizeiwagen mit Ladefläche und mehreren Soldaten als Begleitschutz sogar mit Gewehren bewaffnet, erwartet uns einige Kilometer vor Kasese – der Kommandant geht uns entgegen und fragt, ob alles ok sei. Wir nicken, er kündigt an, uns von nun an als Besenwagen zu begleiten. Das passt mir gar nicht, weil es die „Schutztruppe“ sichtlich eilig hat und das Gehtempo deutlich erhöht. Ich falle tatsächlich an die 100 Meter zurück mit dem Gefühl, die zwei oder drei Kilometer in die Innenstadt von Kasese enden nie. Die Halbdistanz ist fast erreicht.
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